Kategorie-Archiv: Blog

Der Blog von Rheton

Bloggen ist eine moderne Form der dimissiven Kommunikation. Dem soll hier Raum gegeben werden.
Eingesandte Beiträge können umgehend veröffentlicht werden.

Ferner in der Galerie
Nachtstück in der Galerei Ferner

Marathon

Der kleine Ort in Attika, wo in der Antike der Verwaltungsbezirk Aiantis (nach dem homerischen Helden Aias) eine seiner Küstentrittys hatte (eine komplizierte Einrichtung, nach der die Verwaltungsbezirke, Phylen genannt, immer aus drei Bereichen (daher Trittys), nämlich Stadt, Land und Küste zusammengesetzt waren, ist seit dem militärischen Erfolg in den Perserkriegen (490 vChr.) zum Inbegriff einer Ausdauerleistung geworden. Das rührt aber nicht daher, dass die Griechen sich als Durchhalter in einem schier endlosen Konflikt bewiesen hätten, sondern aus einer besonderen kommunikativen Leistung: Die Botschaft des Sieges nämlich soll, so berichtet Plutarch, von einem Kämpfer im Lauf nach Athen getragen worden sein. Wir möchten eher glauben, dass der wenigstens seine Rüstung ablegen konnte, mochte er auch noch so warm vom Kampf gewesen sein, wie Plutarch uns in De gloria Atheniensium versichert, freilich war ein Hoplit mit stattlicher Kondition ausgestattet, um die 40 km von Marathon nach Athen zu bewältigen. Aber die Strapazen (man musste ja auch erst noch von Athen nach Marathon, dort kämpfen – und siegen!) waren dann doch zu viel und so wurde „Der Sieg ist unser” νικῶμεν sein letztes Wort, denn „er hauchte gänzlich aus“ (ἐκπνεῦσαι). Weiterlesen

MH2011

Wie genau kennen Sie Ihre Stimme und Ihre Sprechweise? Sie alle können exakt beschreiben, wie Sie aussehen: Sie besitzen unzählige Photos von sich, betrachten sich täglich im Spiegel und kennen Ihre Größe, Gewicht, Haarlänge, Haarfarbe, Augenfarbe, Schuhgröße etc.. Aber können Sie auch Ihre Stimme und Ihre Sprechmuster beschreiben?

Wie klingt Ihre Stimme? Hoch, tief, belegt, klar, hell, dunkel, hauchig, gepresst? Neigen Sie zu aktivierendem oder beruhigendem Sprechstil, wie ist Ihre habituelle Satzmelodik und wie gehen Sie etwa mit Pausen und Betonungen um? Sprechen Sie eher langsam oder schnell?

Ist Ihnen bewusst, warum Sie so sprechen, wie Sie sprechen? Die Ursachen für unsere Sprechmuster sind vielfältig – psychisch, kulturell überformt und durch Sozialisation bedingt. Weiterlesen

Elenchos des Rhetorik-Testers, 2. Folge

Der hurtige Tester aus Erfurt kann es offenbar nicht lassen; statt zu lesen, was unser Elenchos ihm zu sagen hat (erst lesen, dann nachdenken, dann selbst schreiben), hat er schnell wieder eine weitere Folge  geschrieben,  und auch dieser folgte gestern bereits eine neue. Es mag verwegen erscheinen, in diesen Hagel von Beiträgen eine korrigierende Hand zu strecken, doch Wissenschaft hat auch ihr Ethos und das gebietet eben manchmal auch eine riskante Aktion zur Wahrung wissenschaftlicher Kenntnisse. Auch und gerade im Internet. Weiterlesen

Elenchos des Rhetorik-Testers

Im Rhetoriktester von Johannes Schmoldt findet sich unter Zeitreise Nr. 8 ein Referat von Aristoteles, Rhetorik 1,1 1355a20-55b7, mit dem für die Rhetorik geworben werden soll. Schmoldt zählt 4 Gründe, tatsächlich aber sind es eigentlich 5; auch bei den einzelnen Argumenten sollte man etwas genauer hinschauen:

  1. „Die Wahrheit zustimmungsfähig machen“: Grundsätzlich zwar nicht falsch, aber  der erste der vier Gründe sollte laut Schmoldt Rhetorik als unvermeidlich erweisen, wenn es an Evidenz fehle. Das wäre das bekannte Argument für Rhetorik als Plausibilisierungsmaschine, wo die Wahrheit nicht zu haben ist. Das Zitat belegt aber das Gegenteil: Wahrheit und Gerechtigkeit seien an sich schon überzeugender; wenn sie nun in einem konkreten Falle nicht überzeugen,  so ist das dem anzulasten, der die Wahrheit zu vertreten hat. Implizit könnte gemeint sein, man hätte mangelnde Plausibilität durch geeignete rhetorische Mittel beheben können, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen.
  2. Das zweite Argument von Schmoldt wirkt plakativ; denn auch wenn es zutrifft, dass Aristoteles die Rhetorik als Kunstlehre gegen kommunikative Widerstände (denen etwa ein Sokrates erlag) empfiehlt, so gibt er doch hier schon Hinweise auf die Topik, mit der man die Menge überzeugen kann, die keine wissenschaftlichen Kenntnisse mitbringt. Er sagt nicht einfach: „daher braucht es Rhetorik“. – Die Topik ist überhaupt das Modell der aristotelischen Argumentationstheorie in der Rhetorik und die Beispiele, die der Rhetoriktester selbst seinen Lesern & Hörern offeriert, sind genau solche (allerdings materialen und so eher sophistischen) Topoi, daher verwundert es durchaus, dass Schmoldt hier diese Praxis des eigenen Bloggens außer Acht lässt. Weiterlesen
Bazon Brock, Unterwegs unter anderem zur Unendlichkeit
Bazon Brock, Unterwegs unter anderem zur Unendlichkeit (Photo © Th. Schirren)

 

ὁ βάζων ὀγδοήκοντα ἔτη γεγονὼς εἰς ἄπειρον ἀφανίζεται

– Bazon zum 80. Ein rhetorischer Gruß!
von Thomas Schirren

Reden ist nicht gleich reden. Das ist eine rhetorische Binsenweisheit und doch verdient der Jubilar, der in Berlin ein regelrechtes Phrontisterion unterhält und dieses verdolmetscht benennt, nämlich Denkerei, dass man dieser Einsicht gedenkt, gerade wenn die jetzt gerade unter Jubel und Reden aufgerichtete 8 bereits die Perspektive auf die liegende freigeben, also beherzt die Approximation ans Unendliche angegangen werden soll:

Bazon gegen unendlich – eine Lebensinventur

Die Wenigsten wissen ja, was βάξις beutet, das sich vom Verbum βάζειν ableitet. Die baxis ist die ‚Verkündigung‘, etwa was die Pythia von sich gibt; das Verbum nur in hoher und höchster Dichtersprache geläufig. Ein attischer Rhetor ist dessen nicht fähig. Er spricht, aber er ‚verkündet‘ nicht, er lässt auch nicht ‚verlauten‘. Empedokles liebt das Wort, auch Sophokles, der entstehenden Rhetorik mit frommem Sinn ferner stehend.

Was Bazon uns zu sagen hat, formuliert er gerne mit großer Präzision und er wird um so präziser, je weiter die baxis über den üblichen Gesichtskreis der Menschen hinausweist.

Wie rhetorisch ist das eigentlich?, so fragt sich vielleicht mancher und manche. Zukünftiges hat die Beratungsrede im Blick, die Festrede die Gegenwart. In der Gegenwart die Zukunft bereits als Vergangenheit zu antizipieren (das gerichtliche Redegenus hat diese im Blick und fragt nach den Berechtigungen, nach Schuld und Sühne), das ist Sache des bazon, wenn er sich über das mutwillige Gelärme des geistigen Gezwerges hinwegsetzen muss, das natürlich immer zur Sache gehört – aber dem die Sache nicht gehören darf. Klar, alle dürfen mitreden, aber dann gäbe es nur ein großes Rauschen und Wogen. Diese Klangkulisse verlangt nach dem Heldentenor, der dem Ganzen erst eine Struktur und Artikulation geben kann.

Wer ihn einmal bei Auftritten erlebt hat, kennt auch die Sorge der Veranstalter,  der bazon möchte die Parrhesie übertreiben, die Zügel schießen lassen, inhaltlich und umfänglich. Was für Sorgen! Man frage einmal Sokrates „… Eine kurze Frage nur, Sokrates: Sage mir, was ist Redefreiheit? – Da fragst Du mich gerade keine Kleinigkeit, sondern geradezu etwas von den großen und größten Dingen. Denn ist es nicht so, dass man groß über Großes reden soll, wie Gorgias sagt, und klein über Kleines? – Ja, gewiss, wie sollte es anders sein! – Sind die Athener nicht sehr geübt darin, auch lange Reden zu hören, im Theater oder in der Volksversammlung sitzend, weil sie wissen, dass die großen Dinge auch nur von den gewaltigen Redners angemessen bewältigt werden? Und so vergessen sie alles um sich herum, selbst Weib und Kind, und als ob sie ihre Ohren vermietet hätten, lauschen sie den Reden der gewaltigen Redner wohl über einen ganzen Tag, wenn es nötig ist. Dann aber stehen sie erfrischt auf, als ob sie göttliche Töne gehört hätten, die den Sinn nicht vernebeln, sondern im Gegenteil reinigen und zur Aufnahme des Höheren bereit machen. Also wenn du wissen willst, was Parrhesia ist, dann frage zunächst diese …“

Und wenn schon normaler Logos solche Aufmerksamkeit verdient, wie erst die βάξις τοῦ βάζοντος?