Kategorie-Archiv: Bildrhetorik

Michael Andrews: „The Colony Room I“


Katharina Riepler

Michael Andrews: „The Colony Room I“

 

Ich bin zur Francis-Bacon-Ausstellung gefahren und ich habe mich auf die Suche nach „The colony room I“ gemacht. Ich habe es nicht gleich auf Anhieb gefunden. Erst als ich durch die Ausstellung geirrt bin, habe ich es zum Glück im zweiten Raum entdeckt. Rechts und links von der Fotokopie hingen Erklärungen zum Werk, was bei keinem der anderen Werke der Fall war. Leider war nicht das Original, sondern nur eine Fotokopie vorhanden. Das Original, so konnte ich auf dem Schild links neben dem Bild lesen, wurde mit Ölfarben auf einer Hartfaserplatte gemalt. Es wurde im Jahre 1962 von Michael Andrews gefertigt und es ist 182,80 x 121,90 cm groß. Ich habe mich dann auf den Weg zur Museumswärterin gemacht und sie gefragt, weshalb das Original nicht da sei. Diese teilte mir dann mit, dass das Original zu Beginn der Ausstellung da gewesen und mittlerweile wahrscheinlich zu einer anderen Ausstellung gebracht worden wäre. Während ich das Bild musterte, störte mich beim Beobachten der Film über Francis Bacon, der im Hintergrund lief

Als ich die Menschen auf diesem Bild sah, musste ich sofort an eine Party denken. Die Farben des Bildes habe ich sehr schön gefunden. Was mir allerdings auffiel, war, dass rechts und links außen im Bild etwas hellere Farben zu sehen waren. Sonst war das Bild in dunkleren Farben gehalten. Ich weiß nicht, ob der Künstler damit was sagen wollte; Ich habe mir auch keine Gedanken darüber gemacht. Was ich aber sagen kann, ist, dass als ich das Bild zum ersten Mal sah, ich mich direkt dorthin beamen wollte. Ich wollte eine kleine Fliege sein und den Künstler bei dessen Treiben beobachten. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, folgende Geschichte zu erzählen:

Ich ging durch die Straßen und mir war kalt. Ich sah dieses Pub und las auf dem Schild, dass das Pub den Namen „Soho-Club“ trägt. Ich dachte mir, diesen Namen kenne ich irgendwoher. Aber woher? Ich betrat das Pub und schaute mich um, ob ich jemanden kannte. Und so war es auch.

Als ich so durch das Lokal schlenderte und mich umsah, bemerkte ich, dass das Lokal aus einem großen Raum sowie einem Gang bestand, der sich nach hinten zog. Es waren viele Menschen anwesend, einige kannte ich und andere wiederum nicht. Die Wände waren in einem dunkelblauen bis schwarzen Ton gestrichen. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Ganz links im Vordergrund auf der Wand war ein Spiegel befestigt, darauf sah man das Gesicht des Mannes, der sich auf der Wand mit dem rechten Ellbogen abstützte. Mit seiner linken Hand stützte er sich auf seine Hüfte. Er hatte eine James-Dean-Frisur und er trug ein weißes Hemd und eine blaue Hose. Die Kleidung des Mannes harmonierte mit seinem Auftreten. Der Mann, der neben ihm saß, zeigte mir den Rücken; Es sah so aus, als würde er sich mit der Frau rechts neben ihm unterhalten. Der Mann trug eine beige-braune Jacke und er hatte kurze braune Haare. Die Frau hatte weibliche Rundungen, sie trug ein blaues, knielanges Kleid und hatte braune, schulterlange Haare. Ihre rechte Hand ruhte angewinkelt vor ihrem Körper und sie hielt etwas Weißes in ihrer Hand. Es hätte ein Sandwich sein können, vielleicht aber auch eine Handcreme. Genau kann ich nicht sagen, was es war. Direkt hinter ihr stand ein Mann mit leicht gräulichen Haaren, er hielt ein braunes Glas in seiner rechten Hand und sein dunkelblaues Sakko hing über einem Stuhl direkt hinter der Frau, ich konnte nur einen Ärmel und die obere Hälfte des Sakkos sehen. Ich habe mich gefragt, was er wohl trank. Vielleicht ein Glas Whiskey, vielleicht einen Scotch? Der Mann, der rechts neben ihm stand, schaute mich direkt an. Er trug ein schwarzes Sakko und darunter ein hellblaues Hemd. Er hatte dunkelbraune bis schwarze Haare, eine spitze Nase und sein linkes Auge war von mir aus gesehen etwas kleiner als sein rechtes. Was es für einen Grund hatte, dass sein linkes Auge kleiner war, habe ich mich gefragt. Vielleicht hatte er ein Schmutzpartikel im Auge oder vielleicht zwinkerte er mir zu. In seiner rechten Hand hielt er ein Sandwich vor dem Bauch. Die Frau rechts neben ihm trug ein schwarzes Tuch auf ihrem Kopf, unter welchem ihre blonden Haare hervorschauten. Sie blickte nach rechts zu einer Person. Ihre rechte Hand ruhte unter ihrem Kinn. Sie trug ihre schwarze Jacke offen und darunter war etwas Grau-Blaues zu sehen. Ich denke mal, sie trug ein Kleid, ich bin mir allerdings nicht sicher. Direkt vor ihr saß ein etwas beleibter Mann auf einem Stuhl. Der Stuhl war mit einem braunen Stoff bezogen. Man sah den Mann im Seitenprofil. Sein linkes Bein war vorne und er trug eine schwarze Sakkohose mit einer Bügelfalte und ein dazu passendes schwarzes Sakko in der gleichen Farbe; Bei seinem Hals blitzte ein bisschen sein rotes Hemd hervor, welches er darunter trug. Der beleibtere Mann kam mir irgendwie bekannt vor. Er hatte hellbraune Haare und einen leichten Glatzenansatz. Neben ihm befand sich eine Person mit einer hellblauen Jacke. Die anwesenden Personen schienen in ihren Unterhaltungen sehr vertieft zu sein.

Dies war mein Versuch, das Bild aus einer anderen Sichtweise zu beschreiben. Was vielleicht nicht jeder weiß, aber durchaus bekannt ist: Michael Andrews kannte die Personen, die er in „The colony room I“ malte. Das Bild zeigt eine typische Barsituation aus den 60er Jahren. Am rechten Rand des Bildes ist Francis Bacon abgebildet, der sich mit der Besitzerin Muriel Belcher unterhält. Lucian Freud schaut den Maler oder den Betrachter frontal an. Henrietta Moraes, die Freundin und Muse von Freud und Bacon ist im Mittelpunkt des Bildes abgebildet. Sie bewegt sich gerade auf den Fotografen John Deakin zu, dessen Rückenansicht man sieht. Weiters sind auch noch Bruce Bernard, Jeffrey Bernard und Carmel auf dem Bild zu sehen.

 


 

Michael Andrews: „Melanie and Me Swimming“

 

 


 

 

Christina Mäser

Michael Andrews: "Melanie and Me Swimming" (1978 – 1979)

 

Es ist dunkel, es ist unheimlich, es ist bedrohlich… das Wasser, in welchem Melanie schwimmen lernen muss. Der Bergsee, in dem Melanie schwimmt, wirkt auf den ersten Blick wie ein dunkles Schlammloch, würden nicht die weißen Beine des Vaters durch das Wasser leuchten. Bei genauerer Betrachtung kann man feststellen, dass das Wasser kristallklar ist und der schwarze Grund die beängstigende Dunkelheit an die Wasserfläche spiegelt.

Die Stimmung ist grausam, sie macht Angst. Im Hintergrund sind bedrohliche Kalksteine, die gefrierende Kälte ausstrahlen. Ein Schaudern durchzuckt den Bildbetrachter schon beim bloßen Gedanken daran, auch nur einen Fuß in diesen See setzen zu müssen. Selbst steht er trockenen Fußes im Museum, hat den Schwimmkurs wahrscheinlich erfolgreich hinter sich gebracht und leidet aus tiefstem Herzen mit dem kleinen Mädchen.

Was geht wohl durch den Kopf der kleinen Melanie? Schrecken? Grauen? Angst?

Ihr Gesicht ist verzerrt, ihre kleinen, kindlichen Ärmchen sind voller Panik an die Arme des Vaters gekrallt, der für sie den einzigen Rettungsanker inmitten dieses dunklen Wahnsinns darstellt. Melanie trägt keinen Schutz am Leibe und ist splitternackt. Es gibt nur sie, den See und die Angst. Ja, und den Vater.

Haare hängen wild in ihr Gesicht, doch sie traut sich nicht, die Strähnen fortzustreichen. Jede unkontrollierte Bewegung bedeutete Gefahr und die Angst vor dem Wasser frisst sie innerlich fast auf. Sie darf nicht an den unerforschten Grund denken, er will sie zu sich herabziehen und ihren Körper festhalten. Tapfer hält sie den Kopf über der Wasseroberfläche, ihr Gesicht reflektiert die Dunkelheit. Ihre Augen sind geschlossen, denn die Angst, den Ort des Wahnsinns zu erblicken, ist zu groß. Sie verlässt sich lediglich auf ihre Händchen, die den Vater spüren und hofft, dass sie dieser niemals loslassen wird.

Melanies Schwimmlehrer heißt Angst. Von ihm wird sie gequält und getrieben, getrieben zu panischen Schwimmversuchen. Schwer atmend versucht sie, mit aller Kraft ihren Körper an der Wasseroberfläche zu halten, sie strampelt panisch. Die Vorstellung und die Angst vor dem dunklen und mysteriösen Grund gibt ihr die Kraft dazu. Sie strampelt und strampelt, gleitet jedoch mit ihren Beinchen immer wieder in die Tiefe.

Warum muss Melanie so schwimmen lernen? Warum gönnt ihr der Vater nicht einen Schwimmkurs mit lustigem Schwimmreifen, flottem Badeanzug und anderen Kindern?

Und warum in Gottes Namen wählt der Vater ausgerechnet diesen See?

Die Vorstellung, in diesem Gewässer unterzugehen, ist grausam und die Kälte des Wassers ist förmlich zu spüren. Die Abgeschiedenheit lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Dieser Bergsee ist fern von Gut und Böse und alles, was er zu bieten hat, sind Kälte und Schrecken.

Der Vater selbst fürchtet sich vor diesem Ort. Er hat Angst, sein Töchterchen loszulassen und es dem Wasser zu überlassen. Die Wahl dieses Sees ist eine harte Probe. Wird er es schaffen, sein Mädchen gehen zu lassen und ihm selbst die Verantwortung für sein Leben zu geben?

„Melanie and me swimming“ stellt einen schwierigen Prozess der Erziehung und des Erwachsenwerdens dar. Es spiegelt die Ängste des Loslassen und Losgelassenwerdens wider. Das Bild hat einen tiefen symbolischen Charakter. Der Betrachter wird emotional ergriffen und versteht, was hinter den Tiefen des Wassers steht.

Der Vater muss sein Kind erst halten und stützen. Er muss es Schritt für Schritt die Regeln und Grundfragen des Überlebens und Selbstständigwerdens lehren und dann entscheiden, wann der Moment gekommen ist, in dem er es loslassen kann.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, sodass jeder alleine seine Richtung ansteuern kann? Es liegt an beiden. Der Vater ist dabei die treibende Kraft und es ist seine Aufgabe, seinem Mädchen das notwendige Maß an Wissen, Mut und Kraft mitzugeben. Dann muss er entscheiden, wann er sein Mädchen aus seinen Griffen loslassen kann, um ihm zuzuschauen, wie es selber die Wellen des Lebens schaukeln wird. Doch auch das Mädchen muss ihren Beitrag dazu leisten. Will sie losgelassen werden, oder genießt sie doch die Sicherheit des vertrauten, väterlichen Haltes?

Wie schwierig muss es für den Vater sein, sein Mädchen alleine davon gleiten zu sehen. Die Zukunft ist ein dunkles Loch, das niemand kennt. Das Einzige, was der Vater dem Mädchen noch mitgeben kann, sind gute Tipps für die ihm richtig erscheinende Richtung. Doch irgendwann wird Melanie alleine so weit vorangekommen sein, dass sie ihn nicht mehr hören wird und auch die Kraft haben wird, alleine im Dunkel der Ungewissheit gegen den Strom voranzuschwimmen.

Die Wahl des Bergsees scheint wohl vom Vater gut durchdacht zu sein und der Beobachter des Bildes kann ihn nun mit anderen Augen sehen. Der grausame Schwimmlehrer wird zum liebevollen, besorgten Vater, der seinem Kind die Abgründe des Lebens frühzeitig zeigen will und es lehrt, im richtigen Moment loszulassen.

„Melanie and me swimming“ stellt auf geheimnisvolle Art und Weise eine Situation aus dem Alltag von Eltern und Kind dar, wobei sich der Betrachter in mindestens einer Person wiederfinden kann. 

 


 

Michael Andrews: „Four People Sunbathing“

 

 


 

 

 

Maximilian Huck

Michael Andrews: "Four People Sunbathing" (1955)

 

Ich entdecke Michael Andrews’ „Four People Sunbathing“ aus dem Jahr 1955 gleich im ersten Raum der Ausstellung, die man Francis Bacon und seinem künstlerischen Umfeld – zu dem eben auch Andrews zählte – gewidmet hat. Man hat das Bild in den zweiten Abschnitt des Raumes gehängt, der mit einer dünnen Trennwand vom vorderen Bereich abgegrenzt wird. Gemeinsam mit drei anderen Werken des Künstlers sowie mit Bildern von Diether Roth und Richard Hamilton soll hier eine thematische Einheit gebildet werden: „Die Schönheit der Natur versus die Strenge der Moderne“. Auch die Werke Andrews’ hat man nach diesen Kriterien ausgewählt; drei zeigen Darstellungen von Menschen, Landschaften und Gärten – eines zeigt eine kalte Wolkenkratzerfront.

Sein „Four People“ zählt zu den „Naturbildern“. Bei der Hängung hat man sich wohl an Francis Bacons Tryptichon-Stil orientiert: Gemeinsam mit einem Bild ähnlichen Formats und ähnlichen Farbeindrucks flankiert es ein großes, sich stark von den beiden „Seitenflügeln“ unterscheidendes Selbstportrait Andrews’. Ich konzentriere mich aber dennoch auf die Sonnenbadenden. Schon allein der Umstand, dass der heutige Tag genauso heiß, drückend und schwül ist, wie der auf dem Bild festgehaltene Moment – doch dazu später – lässt mich selbst leichter seine Stimmung einfangen.

Dadurch, dass man es in eine Ecke des Raumes gehängt hat, kann man es ruhig betrachten, während die anderen Ausstellungsbesucher an einem vorbeiziehen. Und dadurch, dass ich außerdem das Glück habe, dass man Michael Andrews bereits den ersten Ausstellungsraum gewidmet hat, wird man nicht belästigt von dem Dröhnen, welches aus dem dritten Saal dringt, der Francis Bacon selbst gewidmet ist. Dort versucht man mittels eines in Dauerschleife laufenden Dokumentarfilms über sein Leben zu kompensieren, dass man vom Namensgeber der Ausstellung selbst lediglich drei Werke auftreiben konnte …

Doch kommen wir zurück zu „meinem“ Bild, den „Four People Sunbathing“: Michael Andrews hat darauf eine Gartenszene festgehalten; samt Rasen, Blumenbeeten, Bäumen und Ziersträuchern – und in der Mitte vier Menschen, sonnenbadend. Dazu eine Gartenmauer samt Tor und viel blauem Himmel. Ein gewisses Freizeitgefühl stellt sich beim Betrachten also bald ein.

Die vier Sonnenbadenden hat der Künstler ins Zentrum seines Bildes gerückt. Für zwei von ihnen gab es Liegestühle, die anderen beiden liegen vor und hinter den Sitzenden im Gras. Von den Sitzenden erscheint dabei besonders präsent ein Mann mit Hut in der Bildmitte. Er ist die größte Figur im Bild und als einziger der Gruppe aufrecht. Die anderen dösen vor sich hin.

Neben den vier Menschen seien aber auch nochmals die übrigen Bildelemente genauer betrachtet. So der äußerst weitläufige Rasen, auf dem es sich die „Four People“ gemütlich gemacht haben. Er nimmt mehr als die Hälfte des Bildes ein und prägt somit wesentlich den Charakter des Gesamtwerkes. Sträucher, Bäume und Beete sind hingegen an den Rand gerückt und erfüllen eher eine schmückende Funktion. Besonders ins Auge sticht schließlich die hohe Gartenmauer im Hintergrund. Scharf grenzt sie den Garten von der Außenwelt ab und bildet mit ihrer Oberkante auch den Horizont. Lediglich das Gartentor bietet einen Blick auf das nur zu erahnende „Dahinter“, möglicherweise wieder Natur. Über der hohen Gartenmauer dann nur noch Himmel – und wie bereits erwähnt, viel Himmel. Beinahe ein Drittel der Bildfläche wird von ihm eingenommen.

Michael Andrews gelingt mit seiner Anordnung der Bildelemente die Fokussierung des Betrachters auf die vier Personen, wobei einem ein tieferes Verstehen der Szene wohl aber erst unter Rücksichtnahme auf die anderen Bildbestandteile möglich wird. Diese, ihre freie Zeit im Grünen genießenden, Menschen, sind sie nicht – wie die hohe Mauer andeuten könnte – doch Gefangene? Und könnten sie nicht, wenn sie wollten, ausbrechen? Das Tor steht offen und der Himmel darüber ist weit und grenzenlos…

Doch treten wir noch einen Schritt näher an das Bild heran. Michael Andrews hat es in groben Pinsel- und Spachtelstrichen mit Ölfarbe gemalt; allein der „Hutmann“ im Zentrum erscheint etwas schärfer und genauer ausgeführt als der Rest des Bildes. Möglicherweise ist er ja der Kopf seiner Gruppe. Ist er auch der einzige Wache, Aufrechte und der Einzige der vier, der eben diesen Hut trägt. Ein eleganter Straßenhut, der in starkem Kontrast steht zur Blöße seines unbekleideten Körpers.

Unbekleidet beziehungsweise in Badekostümen sind alle vier – und blass; Stadtmenschen. Und keiner aus der Runde sieht so aus, als ob er den Nachmittag unter freiem Himmel wirklich genießen könnte. Verrenkte, verdrehte Körper – beinahe anorganisch gezeichnet: Sie können alle nicht aus ihrer Haut und loslassen. Sich befreien. Auch der Kopf der Gruppe, der selbst in seiner freien Zeit einen Hut aus dem Arbeitsalltag trägt, wird sie bei einer Befreiung wohl nicht anführen. Denn auch er, obwohl aufrecht, erscheint erschlagen.

Bereits dieses trübe und dabei doch so grelle Licht zeigt ja die drückende Schwüle des Sommernachmittags an, die jede Aktivität lähmt und jedes Ausbrechen verhindert. Der Künstler taucht sein ganzes Bild in dieses unangenehme Licht: Der Rasen wird giftgrün, das Blau des Himmels erscheint nicht strahlend, sondern dunstverhangen. Allein das dunkle Rot der Mauer präsentiert sich satt und warm. Vielleicht bedeutet diese Mauer für die Menschen also doch Schutz und nicht Gefängnis – Schutz vor einer zunehmend feindlichen Umwelt an einem schwülen und lebensfeindlichen Sommertag. Und durch das Tor, das zwar Freiheit böte, sieht man ja nicht genau, was dahinter kommt – wer weiß, ist dort draußen vielleicht noch alles viel schlimmer?

Michael Andrews schafft es also mit einem einfachen Motiv, indem er Stilmittel wie abnormal verzerrte Körper und unnatürlich grelle Farben anwendet, beim Betrachter ein unangenehmes Gefühl auszulösen – obwohl der Bildinhalt selbst Assoziationen hervorrufen könnte, die man als angenehm einstufen würde: Ein Sommertag im Freien. Doch Andrews setzt auf Widersprüche. Seine Sonnenbadenden genießen die Freizeit und sind doch Gefangene ihrer Selbst, ihrer Verpflichtungen, des Arbeitslebens, … der Welt der Moderne. Aber die Mauern, die sie sich bauen, sind für sie nicht Gefängnis, sondern Schutz und Geborgenheit – vor zuviel Freiheit und der Angst davor. Denn das Leben dort draußen ist hart und unwirtlich. Unweigerlich stellt sich den Betrachtern die Frage: Sind diese Menschen vielleicht unser Spiegelbild? Was geben wir auf, um wir selbst sein zu dürfen?

Warum hat Michael Andrews dieses Bild aber nun gemalt, für welchen Zweck? Konzentriert man sich nochmals lediglich auf das abgebildete Motiv – vermutlich Freunde Andrews’ beim Entspannen im Garten des Künstlers – könnte man schließen, dass das Werk lediglich gedacht war, um seine persönliche Erinnerung an ein geselliges Zusammensein festzuhalten. Um es sich im eigenen Haus aufzuhängen und es bei weiteren Zusammentreffen der Freundesrunde zum Zentrum neckischer Gespräche zu machen: „Schau, wie dick Michael deinen Bauch gemalt hat – da bist du sofort wiederzuerkennen…“

Tatsächlich handelt es sich bei den „Four People Sunbathing“ aber um ein mindestens Ein mal Ein-Meter-Fünfzig großes Gemälde mit breitem Rahmen, aufwendig auf Holz gemalt und hinter Glas gesetzt. Und somit wahrscheinlich nicht gedacht für eine Mauernische im Eigenheim, sondern durchaus für eine Präsentation in einem etwas „würdigeren“ Ambiente. Besinnt man sich dann schließlich noch auf die Fragen, die auftreten, wenn man sich mit seinem Werk etwas näher beschäftigt, so wird letztlich klar, dass Michael Andrews seine Sonnenbadenden einer breiten Öffentlichkeit präsentieren wollte – im Rahmen von Ausstellungen wie jener, in der ich sein Bild gerade eben betrachtete.

Ja, er benutzte ein privates Motiv – aber seine Fragen richtete er an alle. Auch an mich? Inwieweit bin ich selbst frei? Inwieweit ziehe ich die Unfreiheit vor? Empfinde ich die Freiheit der Natur als Bedrohung? Und die Zwänge der Moderne als Schutz? Bin ich glücklich? Fragen, die das Bild von Michael Andrews bei mir überhaupt erst aufgeworfen hat. Antworten darauf suche ich noch.

 


 

Francis Bacon: „Man in Blue IV“


Sabrina Jäger

Francis Bacon: "Man in Blue IV"

 

Dieses Bild von Francis Bacon hat mich angesprochen, da es sich von allen anderen Bildern Francis Bacons in der Ausstellung deutlich unterschied. Es besteht lediglich aus zwei Farben – blau und weiß. Der blaue, dunkle Teil des Bildes überwiegt und füllt beinahe die gesamte Leinwand aus. Nur wenige Akzente und scheinbare Lichtpunkte im Gemälde wurden mit der hellen Farbe gesetzt. Es scheint, als würde das dunkle Blau nur durch wenige helle Linien und Flächen unterbrochen werden, um dem Betrachter eine Räumlichkeit aufzuzeigen und ihm in der Fülle des Blaus eine Szene erkennen zu lassen. Die Person, die sich im Zentrum des Bildes befindet, ist ein Mann, der hinter einem Schreibtisch sitzt. Er lehnt sich auf ihn und hat seine Hände gefaltet. Sein Gesicht sieht traurig aus. Es ist die größte helle Fläche des Bildes, wird aber von feinen, unregelmäßigen, dunkelblauen Linien durchzogen. Dadurch sind das Gesicht und die Gesichtszüge nur schwer zu erkennen und die Person wirkt niedergeschlagen und müde. Die weißen Linien, die hinter der Person zu sehen sind, bilden scheinbar einen Raum um sie. Dieser Raum füllt nicht das ganze Gemälde aus und wirkt daher wie ein Raum im Raum. Dadurch, dass die Linien im Hintergrund parallel und in einem regelmäßigen Abstand zueinander verlaufen, scheinen sie beinahe wie Gitterstäbe, die den Mann umschließen.Obwohl er durch diesen Raum eingesperrt scheint, wirkt er durch den Anzug, den er trägt, sehr seriös und selbstsicher. Zudem gibt ihm der Tisch, auf den er sich stützt, Halt.

Als ich im Internet zu dem Gemälde recherchierte, um ein paar Hintergrundinformationen zu erhalten, habe ich gelesen, dass Francis Bacon häufig Fotografien oder Personen aus seinem Leben als Vorlage für seine Bilder genommen hat. So fand ich auch einen Hinweis darauf, dass sein Liebhaber Peter Lacy als „Man in Blue“ auf Leinwand verewigt wurde. Ich kann allerdings nicht mit Sicherheit sagen, dass Peter Lacy auf dem Gemälde, das ich hier bespreche, zu sehen ist, da Francis Bacon im Jahre 1954 insgesamt vier Bilder der Serie „Men in Blue“ malte.

In der Ausstellung waren nur wenige Bilder von Francis Bacon zu sehen, die allesamt in einem Raum ausgestellt waren. „Man in Blue IV“ war direkt links neben der Tür aufgehängt. Als ich den Raum betrat, habe ich das Gemälde zunächst also gar nicht gesehen. Erst als ich mich wieder zur Tür wandte, fiel mein Blick auf das Bild. Dabei fiel mir auf, dass dem Gemälde sehr wenig Platz im Raum gegeben wurde. Es kam mir vor, als würde es in eine Ecke gedrängt werden. Vielleicht war es auch absichtlich so platziert, da es sowieso eine sehr düstere und melancholische Stimmung vermittelt und der Mann im Bild sehr gedrängt wirkt. Gemalt wurde es mit Ölfarbe auf einer Leinwand. In der Ausstellung war es hinter Glas zu sehen.

Die Anordnung der Szene im Gemälde wirkt genau geplant. Der „Raum im Raum“ wirkt sehr kantig, geradlinig und abgegrenzt vom übrigen Teil des Bildes. Der Raum ist zur rechten Bildkante hin offen, nach oben, unten und nach links geschlossen. Die Flächen des Tisches, der Wände und der Decke wirken wie geometrische Figuren, die zu einer Szene zusammengewürfelt wurden. Der Mann befindet sich fast genau in der Mitte des Bildes. Seine Silhouette wirkt sehr abgerundet und er scheint von seiner Umgebung erdrückt zu werden. Dies wird noch einmal durch den „Raum im Raum“ unterstrichen, der deutlich kleiner als das Gemälde insgesamt ist.

Offen bleibt allerdings, was rechts vom Bild passiert. Der Raum ist nicht völlig geschlossen und der Mann blickt auch in diese Richtung. Es scheint, als würde er eine Person ansehen, die sich dort aufhält oder etwas Anderes, das seine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ich denke, dass mit dem Bild eine traurige und einengende Stimmung vermittelt werden soll. Der Blick des Betrachters wird als Erstes auf das Gesicht des Mannes gelenkt, das im Mittelpunkt des Bildes liegt und durch die helle Färbung deutlich hervorsticht. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass der Blick des Mannes auf etwas fixiert ist. Das Gesicht sieht starr und angespannt aus und durch die Schattierungen wirkt es sehr verfallen.

Ich denke, dass der Betrachter in die Stimmung des Bildes hineingezogen und neugierig gemacht werden soll, was sich außerhalb des Bildes befinden könnte und worauf der Blick des Mannes fixiert ist. Ich gehe davon aus, dass dem Betrachter, so wie auch mir, als Erstes die dunkle Färbung des Gemäldes und der helle Mittelpunkt auffällt. Man fragt sich, warum eine so düstere Stimmung vermittelt wird und welche Geschichte den Mann in diese Situation gebracht haben könnte.

Meiner Meinung nach kommt die rhetorische Persuasion des Gemäldes aber nicht zustande. Bei oberflächlicher Betrachtung wird durch die große, dunkle Fläche und die wenigen Lichtpunkte sofort eine düstere und traurige Stimmung vermittelt. Der Betrachter wird in diese hineingezogen und bleibt (so ist es zumindest mir gegangen) am Bild hängen. Bei eingehender Betrachtung erkennt man auch noch die feinen Details, die die Szene bereit hält. Diese Details machen neugierig und verleiten den Betrachter dazu, zu hinterfragen, was die Intention des Bildes ist und herauszufinden, was beim Betrachten des Gemäldes unklar bleibt bzw. was nicht abgebildet, aber zum Verstehen der Szene notwendig ist. So ist es auch bei mir gewesen und genau das ist das Merkwürdige und Unerklärkliche daran. Obwohl ich mich nun schon öfters mit diesem Bild auseinandergesetzt und es betrachtet habe, ist mir leider noch immer nicht klar geworden, was denn die Intention ist. Wie schon zuvor erwähnt, bleibt offen, was sich rechts vom Gemälde befindet – also worauf die Person im Bild blickt und was ihre Gedanken scheinbar gefangen hält. Das wäre meiner Meinung nach ein wesentlicher Punkt, der helfen könnte, die Szene und die Intention, die dahintersteckt, zu verstehen. Für mich aber haben sich diese Fragen nicht erschlossen, und obwohl ich in die Stimmung des Gemäldes hineingezogen wurde, konnte es mich letztendlich nicht für sich gewinnen.

 


 

Zu Besuch bei „Francis Bacon und sein Umkreis“


Christina Mäser

Zu Besuch bei „Francis Bacon und sein Umkreis“

Was erwartet der Besucher, wenn er in die Francis-Bacon-Ausstellung geht? Gleich vorweg noch, der genaue Titel lautet: „Francis Bacon und sein Umkreis“.

Der Besucher erwartet folglich Bilder von Francis Bacon und seinem Umkreis. Nun gut, doch wenn dann von Francis Bacon nur so wenige Bilder da sind, dass sein Umkreis die Ausstellung dominiert, was ist dann? Dann hat der Besucher wohl etwas Falsches erwartet. Aber gut, als Kunstliebhaber ist man ja ein offener Mensch.

Aber bleiben wir doch nun bei den Bildern von Francis Bacon, dem Namensgeber und Ausstellungshelden.
Der Besucher betritt voller Vorfreude den Ausstellungssaal und schaut sich um. Wo befinden sich die Bilder des Helden Francis? Er geht durch den ersten Saal, noch nichts. Dann kommt er in den zweiten, den hinteren Saal. Was ist denn da so laut, was lärmt denn da so? Es ist ein Fernseher. Hier läuft eine Dokumentation über Francis Bacon und nicht zu vergessen: seinen Umkreis. Der Besucher ist nun hin und her gerissen. Eigentlich war er ja gestern schon im Kino und hat sich eine Dokumentation angesehen, heute wollte er ins Museum. Was macht er nun? Soll er sich die Bilder von Francis und seinem Umkreis ansehen, oder soll er sich doch von der netten Fernsehstimme unterhalten lassen? Eine schwere Entscheidung. Er seufzt. Er reibt sich die Augen. Dann überlegt er sich, dass er ja schließlich recht viel Eintritt für die Ausstellung und den Lift bezahlt hat. Francis und seine ganzen Freunde befinden sich auf dem Mönchsberg, und man muss sie da oben erst einmal erreichen. Ist man zu Fuß nicht so gut, gibt es natürlich den Lift. Der gehört aber nicht zu Francis’ Umkreis, das heißt also, der Besucher muss dafür extra bezahlen.

Nun aber zurück zur Entscheidung zwischen Film und Museum. Der Besucher entscheidet sich für das Museum, deshalb hat er schließlich den weiten Weg auf sich genommen. Ein weiterer Seufzer – der Besucher versucht, sich auf die Bilder zu konzentrieren. Doch irgendwie fehlt ihm die Muße dazu. Seine Gedanken sind ständig beim Film, denn der ist so laut, dass er dem Museum doch tatsächlich die Schau stiehlt. Gott sei Dank hat der geübte Museumsbesucher Ohropax dabei. Er greift in seine Tasche und holt die kleinen Dinger heraus. Es folgt ein strafender Blick des Museumswärters. Der Besucher ist verunsichert. Stören den Francis oder sein Umfeld die Ohropax? Das kann doch fast nicht sein, oder? Doch eigentlich, wenn es sich der Besucher genauer überlegt, dann schaut der Wärter schon die ganze Zeit recht eigenartig. Der Besucher widmet sich nun mit verstöpselten Ohren und viel Muße den Bildern. Doch mit den bösen Blicken geht es weiter, jetzt kommen sie allerdings von den anderen Besuchern. Unser Besucher versteht jetzt gar nichts mehr. Was ist denn los? Aber er versteht einfach nicht, dass ihn die anderen Besucher bitten, ein wenig zur Seite zu gehen. Es ist nämlich ein bisschen eng beim Francis, es ist ja schließlich auch sein Umkreis dort. Mit freien Wänden muss also ein wenig gespart werden, vielleicht auch, weil der Fernseher sonst keinen Platz gehabt hätte. Der irritierte Besucher geht weiter und verliert nun komplett die Orientierung. Er sucht verzweifelt nach Text und Infos zu den Bildern. War es doch ein Fehler, nicht ins Kino zu gehen? Er seufzt, und das durch die verstöpselten Ohren so laut, dass schon wieder böse Blicke folgen. Welch Glück, der Besucher hat jetzt endlich den Ausstellungskatalog entdeckt. Nun wird alles besser. Er darf jetzt nämlich mehr über Francis und seinen Umkreis erfahren und langsam versteht er auch, wie sein Umkreis und Francis in Zusammenhang stehen. Es handelt sich wohl um lauter Infos, die eigentlich schon im Vorfeld über das Umfeld hätten gewusst sein sollen. Der Besucher schämt sich.
Er seufzt und geht zum nächsten Bild. Er sucht es im Katalog, doch er findet es nicht. Er sucht es noch einmal im Katalog, doch er findet es wieder nicht. Kann das sein? Er sucht es noch einmal, doch er findet es einfach nicht, dafür aber ein ähnliches. Eigentlich ist es genau das gleiche, nur seitenverkehrt. Der Besucher versteht nur mehr Bahnhof. Langsam wird ihm schwindelig, und er nimmt sich die Ohropax raus. Hinter ihm ist eine Schulklasse, die sich dicht um ihn drängt, und er wird von den Schülern nahezu eingequetscht. Jetzt muss er genau da stehen bleiben und kommt nicht mehr weg – das ist ja wirklich fast wie im Film! Was er nun aber hört, das gefällt ihm sehr, das ist sogar noch viel besser als ein Film! Das Bild bezieht sich auf Albrecht Dürers Bild „Melancholia“. Ach, das hätte man im Vorfeld schon auch wissen sollen, es gibt so viel zu wissen über Francis’ Umfeld. Die Lehrerin der Schulklasse hat sogar ein Bild von Dürers „Melancholia“ dabei. Der Besucher ist nun ganz aus dem Häuschen. Außerdem ist er so fasziniert vom Wissen der Frau Lehrerin, dass er beschließt, sich der Schulklasse anzuschließen. Leider ist ihr Unterricht schon zu Ende. Der Besucher ist enttäuscht und mag gar nicht mehr bleiben, er fühlt sich ohne die Klasse jetzt einsam. Obwohl da der Wärter wäre, der ihn die ganze Zeit anstarrt, als wäre er selber ein Bild, das ausgestellt wird. Der Besucher geht noch aufs WC, wäscht sich die Hände, trinkt einen Schluck Wasser und geht dann zum Lift, um Francis und seinen Umkreis alleine auf dem Mönchsberg zu lassen. Irgendwie ist er verwirrt und ein bisschen enttäuscht. Vielleicht geht er morgen wieder ins Kino.


Francis Bacon: „Henrietta Moraes“


Franziska Guggenbichler-Beck

Lucian Freud: "Henrietta Moraes"

Die Monsterfrau

Es schreit dieses Bild. Es brüllt. Eine Frau liegt verzerrt und entstellt auf einem froschgrünen Sofa. Nichts Menschliches an ihr. Ich finde sie widerlich. Kein Hintergrund, keine Geste, keine Details: nichts als dieser nackte Körper, von dem man gerade noch sagen kann, er sei weiblich.

Damals! Tizian oder Manet stellten doch auch nackte Frauen auf einem Sofa dar – welch Anblick! Die Schönheiten lagen horizontal ausgebreitet: Ihre Anmut war zauberhaft eingefangen. Jeder Gegenstand war am richtigen Platz.  Alles Schönheit und Harmonie!

Bei Bacon hingegen liegt die Frau so, dass sie fast aus dem Bild herauszufallen scheint: Sie und das Sofa sieht man aus der Untersicht. Recht viel unvorteilhafter geht es nicht: Am meisten Platz nimmt nämlich ihr Gesäß ein. Und das grüne Sofa? Es ist dem Sperrmüll geweiht, so alt und verbraucht ist es. Das Grün ist nicht frisch, sondern erinnert an abgestandenes Wasser und Übelkeit. Der Stoff ist rissig und abgewetzt. Darauf liegt der Körper wie ein Stück Fleisch. Einen Hintergrund gibt es nicht. Es gibt nur Henrietta Moraes, die präsentiert wird; Ihr Blick geht ins Leere. Mir sagt sie nichts, und im gleichen Moment brüllt etwas in mir. Ich kann es nicht verstehen. Von Schönheit und Harmonie – seien wir ehrlich – keine Rede mehr. Ich rümpfe die Nase. Ich finde das Bild einfach ekelhaft.

Muss ich mir das wirklich antun und es interessiert betrachten, als ob ich etwas davon verstünde? Ich drehe mich um und gehe.

Durch die langen weißen Gänge, an den grünen Bäumen hinter den hohen Fenstern gehe ich vorbei und bin erleichtert. Auf zu neuen Künstlern! Fotos mit Licht und Luft und Meer und Horizont. Ich habe wieder  frische Luft zum Atmen. Ich genieße die Ruhe.

Das Licht wird müde. Durch die Fenster fallen lange Schatten. Es wird Zeit zu gehen. Es war ein langer Tag.

Aber die Monsterfrau brüllt und tobt immer noch in mir. Ich muss noch ein letztes Mal zu ihr zurück. Ihr Bild thront majestätisch und aufdringlich im Zentrum des Raumes. Ich fühle mich so klein. Henrietta scheint so mächtig zu sein. So abscheulich und doch so verführerisch. Ihre Gliedmaßen sind verdreht. Sie hat blaue Flecken an den Knien und am Sitzfleisch. Ja, Henrietta ist wie ein Stück faulendes Fleisch, das sich langsam zersetzt. Panik. Es schnürt mir den Magen zu. Es stinkt hier. Wie die Bläschen im kochenden Wasser kommen allerlei Brocken von Ahnungen an die Oberfläche.                 Hitze!              Angst!                         Gefängnis! Abscheu!             Das Bild riecht förmlich nach Alkohol, Zigaretten und einer langen, heißen Nacht. Es ist schwül. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich bin angewidert und verblüfft. Was passiert hier mit mir? Sieh an! Dieses Monster fängt mich ein. Ich stehe davor und starre und koche. Es brüllt nicht das Bild: Es ist Bacon selbst, der da tobt! Es geht hier nicht um Henrietta. Ihm geht es nicht um ihren Körper, um ihre Schönheit, um das geschundene, grüne Sofa oder um eine Anspielung auf Tizian! Bacon hat es auch nicht auf meinen klaren Verstand oder auf meinen ästhetischen Geschmack abgesehen, sondern auf das Tier in mir.

Steckt ein Monster in jedem von uns? Steckt es in mir? Ja, das wird die Frage sein, die Bacon hier stellt. Eine riesige rhetorische Frage, die uns unmittelbar angeht und wachrüttelt. In dieser Frage steckt die persuasive Potenz des Bildes. Es ist, als ob er zwei völlig antithetische Gegenstände (Mensch und Monster), die wir nur getrennt voneinander denken können, zusammenbringt und es wagt zu fragen, ob beides in uns steckt. Ist das so?

Bacon will keine Antwort geben; Er wirft bloß Fragen auf, die uns äußerst unbequem sind.

Ich muss an Georg Büchner denken: Der Mensch ist ein Abgrund.

Es liest sich so leicht…

Ich sehe die vergangenen Stunden noch einmal vor mir. Was ist nur aus diesem Frühlingstag geworden? Ich spazierte unter frischgrünen Baumkronen auf den Mönchsberg. Die Sonne schien, kleine Waldwege brachten mich zum Museum. Durch die langen weißen Gänge, an den grünen Bäumen hinter den hohen Fenstern wandelte ich von Bild zu Bild. Auf zu neuen Horizonten. Ich empfand Frieden! Ich empfand Freude! Eierkuchen!! Ein Schrei! Eine bohrende Frage! Da tut sich der Abgrund auf: Ein Mensch kann wohl ein denkendes Wesen sein. Aber er bleibt ein Tier! Noch schlimmer vielleicht: ein Scheusal? Ein Monster? Erbärmlich und einsam wie Henrietta kriecht das menschliche Wesen vor sich hin. Kein Ziel vor Augen. Es strampelt. Es hat alles keinen Sinn.

Strampel ruhig, bis der Abend kommt. Und mach dir nichts vor! Die Zeit vergeht. Die Zeit zerrinnt. Strampel ruhig. Aber vergiss nicht: du bist und bleibst: ein Abgrund.

Die Fenster sind jetzt große schwarze Löcher. Im Museum ist es still geworden. Leises Gemurmel. Das Licht ist grell. Die Luft ist schlecht und abgestanden. Kein Bild ist mehr in meinem Kopf. Kein Wort hat mehr etwas zu sagen. Schweißperlen auf meiner Stirn. Die Tür schiebt sich mir schwer entgegen. Es ist kalt draußen. Alles ist dunkel geworden. Meine Schritte auf dem Kies. In der Hand ein zerknitterter Zettel mit einem Zitat, das ich noch schnell mit einem schwarzen Filzstift hinaufgekritzelt habe:

 

„Meine Bilder sollen aussehen, als sei ein
menschliches Wesen durch sie hindurchgegangen und hätte
eine Spur menschlicher Anwesenheit und Erinnerung
an vergangene Ereignisse hinterlassen,
wie eine Schnecke ihren Schleim.“
 
Francis Bacon
 
 

 

Lucian Freud: „Girl with closed eyes“


Margot Dum

Lucian Freud: "Girl with closed eyes"

(1986 – 1987)

 

In einer Francis-Bacon-Ausstellung bleibt mein Blick an einem besonderen Bild hängen. Es trägt den Titel: „Girl with Closed Eyes“  und wurde von einem guten Freund Bacons gemalt. Aus guter Quelle erfahre ich, dass der Künstler ein Verwandter des berühmten Psychoanalytikers Dr. Sigmund Freud ist. Schmunzelnd male ich mir aus, was Dr. Freud wohl zu diesem Kunstwerk gesagt hätte.

So betrachte ich das Bild sehr genau und sehe eine junge Frau, die nackt auf einem Bett liegt. Sie hat ihren Kopf leicht zur Seite geneigt. Der dünne Hals ist dadurch gestreckt, was darauf deutet, dass sie tief und fest schläft. Dabei frage ich mich, was sie jetzt wohl träumen mag.  Der Mund ist leicht geöffnet. Sie sieht blass aus. Ihre Haare sind ein wenig gewellt und haben eine aschbraune Farbe. Man sieht nur die rechte Brust. Auf der Haut finden sich einige Leberflecken. Das Bettlaken, auf dem sie liegt, ist beinahe grau. Im Hintergrund sieht man eine grau-braune Holzwand. Das Mädchen sieht sehr entspannt aus. Es wirkt, als lebe es ein einfaches Leben, und doch strahlt es Zufriedenheit aus, wenn es schläft.

 

Das sind meine ersten Eindrücke, wenn ich dieses Bild betrachte. Tatsächlich gibt es viele verschiedene Weisen, ein Bild zu betrachten. Die einen sehen eine nackte Frau, andere eine Leinwand, die mit brauner, weißer und grauer Farbe bemalt ist. Wieder andere interpretieren in das Bild eine bestimmte Botschaft hinein.

Die Wahrnehmung ist also subjektiv. Doch der Maler, Lucian Freud, hat dieses Bild – bewusst oder unbewusst – nach bestimmten Kriterien hergestellt. Ziel eines Künstlers ist es immer, den Rezipienten zu überzeugen. Sei es nun mittels Worten, in Form einer Rede, mittels Musik oder auch mittels Bildern.

 

Nun stellt sich die Frage: In welchem Zusammenhang damit steht die Bildrhetorik und was ist das überhaupt?

Dazu müssen wir einen Ausflug in die Theoriegeschichte machen: In der Antike entwickelte sich die Kunst der Rhetorik. Es handelt sich dabei um eine Art strategischer Kommunikation: Der Redner verfolgt ein bestimmtes Ziel. Er will sein Publikum überzeugen. In der Rhetorik nennt man das Persuasion.

Aristoteles formulierte drei Charaktereigenschaften, die ein guter Redner mitbringen sollte. Das ist zum einem Integrität: Er soll in seinem Denken, Tun und Sagen authentisch sein. Weiters setzt Aristoteles das Wohlwollen des Redners gegenüber dem Publikum voraus. Auch eine gewisse Kompetenzvermutung des Publikums gegenüber dem Redner ist von Vorteil.

Um eine gute Rede vorzubereiten, wurde in der Antike eine Produktionstheorie entwickelt. In fünf Schritten soll der Vortragende seine Rede entwickeln:

Zuerst muss er einen Gedanken finden (Inventio). Anschließend ist das Ergebnis zu gliedern (Dispositio). Nun ist das Grundgerüst der Rede entstanden. Der nächste Schritt ist die sprachliche Ausformulierunng (Elocutio). Diese hat das Ziel, später die Aufmerksamkeit des Publikums punktuell zu steigern, je nach Situation. Dann hat der Redner die Aufgabe, sich die Rede einzuprägen (Memoria). Schlussendlich wird die Rede vorgetragen (Actio).

 

Sie lesen hier aber einen Text über Bildrhetorik. Hier geht es darum, Bilder zu beschreiben und dadurch beispielsweise eine Rezeptionsstrategie zu erkennen. Ausgangspunkt der Bildrhetorik ist immer die klassische Rede. Denn Bilder kommunizieren eine Botschaft ebenso wie ein Redner. Der einzige Unterschied besteht darin, dass für die Übermittlung des Inhaltes ein anderes Medium gewählt wird. Das Bild hat dennoch einen besonderen Stellenwert: Wir sehen Bilder auch in unserer Fantasie. Wir gleichen das Gesehene mit unserem Erfahrungsschatz ab und machen uns unser eigenes „Bild“.

 

In diesem Fall sehe ich nicht nur ein nacktes Mädchen. Die verschiedenen Eindrücke, die ich gewinne, wenn ich das Kunstwerk betrachte, verschmelzen zu einer Geschichte. Ich stelle mir vor, wie sie wohl heißen könnte, und warum sie sich porträtieren ließ.

Bilder vermitteln also konkrete Botschaften. Lucian Freud hat bei seinem Bild eine genaue Vorstellung davon, was er seinem Betrachter mitteilen will. Er überlegt, wie er das Bild, das in seiner Fantasie bereits vorhanden ist, am besten auf die Leinwand bringt. Dazu muss er wissen, welche Elemente das Bild beinhalten soll und wie diese angeordnet werden. Freud gibt dem Mädchen viel Platz. Im Hintergrund sieht man nur das Bettlaken oder eine Holzwand. Das rechte untere Drittel des Bildes zeigt ihre Schultern und Ansätze der linken Brust. In der Mitte des Bildes befindet sich der Hals. Die linke obere Hälfte des Bildes zeigt den Kopf. Für die Bildaufteilung wird meist eine Dispositionsskizze angefertigt, um die Größenverhältnisse  sowie die Anordnung der Inhalte zu fixieren. Das Mädchen nimmt in diesem Fall den Großteil des Bildes ein.

Vielleicht hat sich der Maler bei der Herstellung auch Gedanken darüber gemacht, wo das Bild später präsentiert wird, womit wir beim Wohlwollen dem Publikum gegenüber wären. Nach der groben Einteilung der Anordnung im Bild beginnen die Feinarbeiten. Mit der Farbgebung kann Lucian Freud  eine bestimmte Stimmung formen. Er stellt sich dunkle Brauntöne für die Ausgestaltung von Schatten vor. Die hellen drücken die Blässe des Mädchens aus. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Muskeln ihrer linken Halspartie leicht angespannt sind, weil ihr Kopf sich auf die rechte Seite neigt. Durch diese detailreiche Darstellung soll der Betrachter für die Wirkung von bewegter Haut sensibilisiert werden.

 

Bevor der Künstler aber tatsächlich zu malen beginnt, muss er sich noch entscheiden, mit welchem Medium er seine Idee transportieren möchte: Hier entschließt sich Lucian Freud, auf einer Leinwand zu malen. Die Leinwand ist das Mittel, um die Bildinformation an das Publikum zu bringen, damit dieses die Botschaft aufnimmt. Der Betrachter erinnert sich an das Bild und die Geschichten, die er damit verbindet. Man könnte hier die Erinnerung des Betrachters mit der Memoria des Redners verbinden.

Schließlich hat der Künstler sein Werk auf die Leinwand gebracht. Das Thema und dessen Gegenstände sind dargestellt. Man könnte das als Bildlichkeit bezeichnen.

 

Wenn das Publikum das Bild betrachtet, ist das vergleichbar mit dem Hören einer Rede. In beiden Fällen werden Inhalte vermittelt, die die Einstellungen und die Gefühle des Rezipienten ansprechen sollen. Eventuell kann somit ein Einstellungswechsel erreicht werden. Der Anblick des „Mädchens mit den geschlossenen Augen“ hat mich jedenfalls dazu veranlasst, es sehr genau zu betrachten. Es weckt in mir eine Reihe von Emotionen: Für mich strahlt das Bild vor allem etwas Geheimnisvolles aus. Das Mädchen sieht sehr entspannt aus, als ob es sich von jemandem beschützt fühlen würde. Vielleicht hat sie den Maler gut gekannt.

 


 

Ronald B. Kitaj: „Melancholy after Durer“


Hanna Schlagitweit

Ronald B. Kitaj: "Melancholy after Durer" (1989)

 

Da sitzt er nun. Mürrisch sieht er aus, das Haar ergraut, der Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet. Die Krankheit hat dunkle Schatten in sein Gesicht gemalt, tiefe Furchen erzählen von Nächten ohne Schlaf und dunklen Gedanken. Er hat seinen Lieblingsplatz gewählt, den blauen Sessel, hier hat er die letzten Monate verbracht, tatenlos, grübelnd und wartend. Und das Telefon. Er hat es also nicht vergessen, unser Gespräch damals. Er hat es hervorgehoben, auf rotem Hintergrund, es schwebt über ihm, ist dominant ohne jegliche Leichtigkeit, es ist aufdringlich, es hat Bedeutung, das hat er mir in den letzten Tagen immer wieder versichert. Leer fühle er sich, alt, krank und nutzlos. Das hat er mir damals gesagt. Es ist nur ein Organ, nichts weiter, er soll dem nicht soviel Bedeutung zukommen lassen, hab ich gesagt. Ja, ich hab es heruntergespielt, das Herz ist nicht einfach irgendein Körperteil, das war mir schon bewusst, doch er war ja wieder gesund und er sollte dieser Erkrankung nicht zu viel Bedeutung zuschreiben. Wenn du nicht weißt, wie und woran du weiterarbeiten sollst, dann nimm genau das, was du im Moment fühlst, hab ich gesagt, bring deine Stimmung zu Papier, male deine Melancholie.

Melancholie, dieses Wort hab ich benutzt, ohne darüber nachzudenken. Und er hat es genommen, wie einen Strick in die Hand genommen und sich langsam raus gezogen. Er musste es nicht neu erfinden, zu viele waren schon vor uns, haben unser Leben schon gelebt. Er hat Dürers Bild genommen und es übersetzt, wie ein Dolmetscher eine Sprache übersetzt, hat er dieses Bild für sich übersetzt. Sein Werkzeug ist der Pinsel, er hält ihn in der Hand, so wie Dürers Figur den Zirkel. Und er hat keine Flügel, nein, das würde so gar nicht zu ihm passen, er hat dem Original die Flügel abgenommen und mit seiner eigenen schwarzen, trübsinnigen Figur ersetzt. Die Flügel hat er seinem Sohn verliehen, jener lichten Gestalt im Bild, fast schon strahlend sitzt sie neben ihm auf dem Bücherregal, voll von jenen Büchern, in die sich sein Vater monatelang zurückgezogen hat, der Wirklichkeit entfloh, um sich niemandem stellen zu müssen. Der Kleine hält den Pinsel in der Hand, nicht tatenlos wie sein Vater, nein, er ist vertieft in sein Werk und hat keinen Blick für all das, was rund um ihn passiert.

Das hat er so oft gesagt, so vertieft sein, so unbeschwert, ohne Gedanken zu verschwenden an die eigene Vergänglichkeit, genau so möchte er sich fühlen. Aber jeder Versuch ist gescheitert. Die Leinwand liegt vor ihm, der klägliche Versuch zurückzufinden, zu seiner Art zu arbeiten, zu malen wie vor seiner Krankheit, ist gescheitert. Er hat noch so viel Energie aufgebracht, den Versuch, seiner Melancholie zu entkommen, wütend zu übermalen, ehe er wieder versunken ist in seinen düsteren Tagträumen. Zurück zu seiner Schwere, die ihm treu, wie ein Hund seinem Herrchen, Tag und Nacht nicht von der Seite wich. Hier liegt er nun, der Hund, schlafend, zusammengerollt, und nicht mehr ganz so nah seinem Herrchen, aber er verlässt ihn auch nicht. Der Frieden trügt, das Tier ist wandelbar, der friedlich schlafende treue Hund kann sich jederzeit aufbäumen und zu jener schwarzen Bestie werden, die ihn wieder nach unten zieht. Es ist der „black dog“, den hat er keineswegs zufällig gewählt, er hat es mir gesagt, damals am Telefon, es war der Versuch unbeschwerter zu klingen, als er meinte, dass er sich fühle wie Churchill, der den black dog zum Symbol der Depression machte. Hier ist er also wieder, der schwarze Hund, die Dunkelheit seiner schweren Stunden.

Schwarz wie seine Kleidung ist der Hintergrund.  Schwarz, die düsterste aller Farben, die eigentlich keine Farbe ist, und doch so vieles ausspricht, ohne ein Wort zu verwenden. Auch Dürers Regenbogen im Hintergrund hat er verwendet, aber er ist nicht so strahlend wie im Original und der helle Komet, der vielleicht Licht bringen kann, auf den hat er gänzlich verzichtet.

Ich habe es verstanden, sein Bild. Heute hat er mich angerufen, seine Stimme hat sich verändert. Nicht mehr langsam und leise, zögerlich und kurzatmig, als hätte sein krankes Herz gesprochen, nein, fest klang seine Stimme und entschlossen. Er wollte mir danken für den Rat, den ich ihm gegeben habe, damals, und ich soll sie mir anschauen, seine Melancholie. Zugegeben, ich musste erst in den Tiefen meines Gedächtnisses kramen, ich weiß, ich wollte ihn aufbauen, so wie ein Freund das nun macht. Ich weiß, ich hab damals nicht lange darüber nachgedacht, was ich ihm sagen soll. Es gibt nichts zu danken, hab ich ihm heute gesagt, er hat dieses Bild ganz alleine geschaffen.

Ich bin gerührt, jetzt davor zu stehen und glaube zu verstehen, was in dir vorgegangen ist. Aber ich weiß auch, dass meine Gedanken über dein Bild Gedanken bleiben. Ich werde nichts sagen, es wären überflüssige Worte. Deine Melancholie bleibt deine Melancholie, sie muss nicht weiter besprochen und zerredet werden. Ein Blick reicht, und wir wissen, dass wir uns verstanden haben. Es ist gut so wie es ist.

 


 

Peter Doig: „Bird House“


Barbara Schnitzer

Peter Doig: "Bird House" (1995)

 

Schnee bedeckt den Wald und alles strahlt und leuchtet unter der warmen Wintersonne.

Es ist still. Friedlich.

Und ganz unscheinbar hängt es da, ein kleines Vogelhäuschen. Fast verschwindet es unter der dicken Schneedecke und den dichten Ästen.

So belebt es im Sommer sein mag, so ruhig und verlassen wirkt es im Winter. Für die Vögel ist es jetzt zu kalt, um darin zu wohnen, dennoch kann man sich das fröhliche Gezwitscher vorstellen, das es hier geben wird, wenn der Schnee schmilzt und der Winter dem Sommer weicht.

Von den vielen feinen Ästen des Strauches hängen kleine Lampions. Sie sind wie Farbkleckse in der weiß-braunen Landschaft und schimmern fröhlich durch die Äste hindurch. Wer sie wohl aufgehängt hat?

Sieht man genauer hin, entdeckt man im Hintergrund einen Zaun. Auch er ist verschneit und hinter den vielen braunen Ästen kaum erkennbar. Wo genau der zugehörige Strauch steht, wird nicht sofort klar. Es kann ein zugefrorener und zugeschneiter See sein oder ein schneebedeckter Waldboden.

Das Vogelhäuschen ist an einem roten Seil befestigt, das sich wie eine Schlange um die Äste wickelt und vom Baum wegführt. Wer immer es auch aufgehängt hat – man kann die Sorgfalt erkennen, mit welcher es befestigt wurde, um den Vögeln im Sommer Sicherheit zu geben.

Das Bild wirkt sehr beruhigend, da die winterliche Landschaft nahezu bewegungslos dargestellt ist. Der Künstler Peter Doig lässt das Bild vielmehr durch die Ölfarben bewegt und lebendig erscheinen. Die Pinselstriche sind sehr dick und deckend. Doig verwendet Farben, die starke Kontraste setzen. Weiß, Braun und Hellblau dominieren. Die bunten Lampions fallen erst nach einiger Zeit auf, da sie sich sehr versteckt im Hintergrund befinden.

In den ersten Sekunden der Betrachtung wirkt das Bild etwas „wirr“, da der obere Teil nur aus Ästen besteht und vorwiegend mit dunkeln Farben gemalt ist. Stellt man sich jedoch vor, an genau dieser Stelle das Motiv in Wirklichkeit zu betrachten, bekommt es eine ganz andere Wirkung.

Das Vogelhäuschen wurde, wie das gesamte Bild, mit dicken Pinselstrichen gemalt, welche den optischen Effekt haben, dass das Bild zweidimensional wirkt. Es sticht vor allem mit den Farben Weiß und Grün-Braun hervor. Das Bild trägt seinen Namen, wodurch das Vogelhäuschen an größerer Bedeutung gewinnt, als es beim Betrachten den Anschein erweckt.

„Bird House“ überzeugt durch seine starken, kräftigen Farben. Dadurch, dass der Hintergrund kaum erkennbar ist, weil die Äste alles verdecken, kann man nur erahnen, was sich hinter ihnen befindet. Weitere Bäume? Häuser? Menschen? Man weiß es nicht…

Meiner Meinung nach ist das Bild sehr gelungen, da es etwas Geheimnisvolles verbirgt. Wo befindet sich dieses Motiv? Wer hat das Vogelhäuschen gebaut und aufgehängt? Ich stand vor dem Original, und das Bild fing mich sofort ein. Durch seine Größe, das Bild ist ca. zwei Meter hoch, fühlte ich mich gleich in die Landschaft hineinversetzt. Ich hatte plötzlich den Wunsch, direkt in das Bild hineinzuspringen, den Schnee anzufassen und in das Vogelhäuschen zu schauen. Ich wollte wissen, was sich hinter den Ästen und dem Zaun befindet. Alle anderen Bilder interessierten mich nicht mehr wirklich, ich war so befangen von diesem einen Bild. Meine Phantasie leistete plötzlich gute Arbeit, ich stellte mir vor, mich in der winterlichen Landschaft zu entspannen und auf all die Fragen eine Antwort zu bekommen, die ich mir stellte.

Das Bild erzielt also eine sehr reale Wirkung, obwohl es doch mit groben, deckenden Pinselstrichen gemalt wurde. Der Maler hat sich also genau überlegt, wie er durch seine Malweise all diese Emotionen hervorruft. Ich kann es nicht genau sagen. Vielleicht ist es diese scheinbare Realität, die der Künstler schafft. Ich weiß es nicht.

Rhetorisch ordne ich dieses „Erzeugen von Unwissen“, so dass der Betrachter nicht weiß, was sich dahinter, davor und daneben befindet, der elocutio zu. Gerade ausdrucksvolle Pinselstriche können enorme Wirkung erzielen.

Schnee bedeckt den Wald und alles strahlt und leuchtet unter der warmen Wintersonne.
Es ist still. Friedlich.

 


 

Peter Doig: „At the Edge of Town“


Nicole Mirnig

Peter Doig: "At the Edge of Town" (1982)

 

Es gibt einen Spruch, der besagt, dass Bilder sprechen. Das stimmt sicherlich, denn jedes Bild erzählt eine Geschichte. Manche Bilder erzählen jedoch nicht nur, sie werfen vielmehr Fragen auf und stellen den Betrachter vor das eine oder andere Rätsel. So auch bei diesem Bild von Peter Doig. Auf den ersten Blick ganz simpel wirkend, hat es einen auf den zweiten bereits gefangen genommen. Man taucht ein in die Welt des geheimnisvollen Mannes und stellt sich den Rätseln, die uns der Maler aufgibt.

Ein Mann hält sich an einem Baum fest und blickt in ein naturbelassenes Tal. Sein Blick ist finster, vielleicht auch böse. Ein Ast des sich am rechten Bildrand befindenden Baumes erstreckt sich fast über den gesamten oberen Rand und wirkt dadurch wie ein rahmendes Element. Der Baum scheint relativ groß zu sein, denn man sieht lediglich einen kleinen Teil des Stammes. Der Mann fasst mit der linken Hand an den dem Rücken zugekehrten Baum und blickt von oben links in das Bild hinab. Vor ihm erstreckt sich eine weitläufige Landschaft im Goldenen Schnitt.

Der Mann ist lediglich mit einer Hose bekleidet, deren Blau im ähnlich getönten Landschaftshintergrund fast verschwindet. Sein nackter Oberkörper und das Gesicht sind aschfahl, die Haare sind kurz und rabenschwarz. Der Baum, an dem er sich festhält, ist fast schwarz und ganz kahl. Das Tal ist gefüllt mit allerlei Bäumen und Gewächsen. Die Farbwahl beschränkt sich überwiegend auf kalte Töne. Dennoch steht die doch eher bunte Landschaft in starkem Kontrast zu dem kahlen Baum. Die letzte Baumreihe am Horizont besteht lediglich aus vom Licht der Sonne erzeugten Silhouetten. Die restlichen Bäume haben allerlei Farben. Von gelbgrün bis zu einem satten Tannengrün sind alle Schattierungen vorhanden. Am blauen Himmel befinden sich ein paar größere Wolken. Nur eine Stadt ist weit und breit nicht zu sichten.

Auch das gleißende Licht der untergehenden oder aufgehenden Sonne ist weniger ein Lichtblick als ein greller Fleck am blauen, bewölkten Himmel. Die Bäume am Horizont befinden sich noch im Sonnenlicht und werden so von einem rötlichen Schimmer umgeben.

Das Bild wurde mit Ölfarben auf eine größere Leinwand gemalt. An und für sich wirkt das Bild ziemlich groß, was jedoch die Platzierung in der Ausstellung „A Guest of Honour, Francis Bacon & sein Umkreis“ im Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg so nicht vermittelt. Das Bild hängt nahe dem Eingang, jedoch in einem Winkel, sodass es vom Museumsbesucher nicht sofort gesehen wird. Es hängt an der Wand rechts vom Eingang, relativ weit hinten. Der Besucher wird aber eigentlich ein bisschen daran vorbeigeführt. Es ist umringt von großen, sehr bunten und eindrucksvollen Bildern – den wohl fröhlichsten der gesamten Ausstellung. Bei Betrachtung dieser Bilder ist man gezwungen, Peter Doigs At the Edge of Town den Rücken zuzukehren. So hängt genau gegenüber ein sehr kräftig gehaltenes, mindestens doppelt so großes Landschaftsbild. In dessen Bann einmal gezogen, hat man kaum mehr Augen für At the Edge of Town. Man betritt die Ausstellung und läuft daran vorbei. Ich persönlich habe diese Erfahrung auch gemacht – ich bemerkte das Bild zuerst gar nicht.

Kaum ist man ein paar Schritte im Bereich der Ausstellung vorgedrungen, nehmen einen andere Sinneseindrücke gefangen. Denn bei Bacon gibt es nicht nur Bilder zu bestaunen: Es gibt auch ein Video – in ohrenbetäubender Lautstärke. Der Fernsehapparat, auf dem das gute Stück ausgestrahlt wird, steht ganz im letzten Eck, fast schon versteckt. Doch durch die lauten Geräusche, die er von sich gibt, ist er kaum zu übersehen. Möchte man sich die Bilder im näheren Umkreis betrachten, wirkt dies eher störend als lehrreich. Deshalb bin ich ganz froh, dass mein Bild am anderen Ende der Ausstellung angebracht ist. Das bringt mich sogleich auf den nächsten Punkt: Möchte man nämlich die Ausstellung verlassen, so kommt man an Peter Doigs Bild fast nicht vorbei. Man läuft geradewegs darauf zu und der Blick verfängt sich sofort darin. Die Farben, die Traurigkeit, der Titel – alles ist irgendwie geheimnisvoll. Warum ist von einer Stadt die Rede? Nichts in diesem Bild deutet auch nur annähernd darauf hin. Es gibt weit und breit nur Natur zu sehen – unberührt. Wo kommt der Mann her? Er sieht nicht glücklich aus, im Gegenteil: Er wirkt ernst, böse, verängstigt. Vielleicht läuft er vor etwas davon, vor einem drohenden Unheil, vor der Stadt, dem Lärm, den Menschen. Und wo genau ist die Stadt? Gibt es sie überhaupt? Der Titel des Bildes spricht von einer Stadt, blickt man aber auf das Bild, so ist kein Indiz dafür zu sehen. Somit widersprechen sich  Titel und Darstellung des Bildes, es herrscht eine Diskrepanz zwischen inventio und dispositio. Das Bild wirft viele Fragen auf. Es bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen, diese zu beantworten.