Kategorie-Archiv: Moderne rhetorische Rollenmodelle

Barack Obama: „Yes, we can!“


 

Jürgen Seiwaldstätter und Christine Zehentmayr

Barack Obama: "Yes, we can!"

 

Einleitung

Dieser Artikel beinhaltet die Analyse der Wahlkampfrede „Yes, we can!“ von Senator Barack Obama, gehalten am 8. Jänner 2008 in New Hampshire, Amerika. Die Ergebnisse werden im folgenden Artikel im Hinblick auf die aristotelischen Elemente Ethos, Logos und Pathos und deren Zusammenspiel zusammengefasst.

 

Redegattung

Bei dieser Rede handelt es sich um eine Beratungsrede, welche zu Beginn auch einige Elemente einer Lobrede enthält, wie zum Beispiel den Verweis auf die Gegenwart und die Danksagungen an die Wähler. Jedoch wechselt der Fokus auf die Zukunft und Möglichkeiten.

 

Die Person – Barack Hussein Obama

Barack H. Obama jr. wurde 1961 in Hawaii als Kind von Stanley Ann Dunham und Barack Obama sen. geboren. Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, zog die Mutter mit ihrem Sohn nach Indonesien. Hier verbrachte Obama seine frühe Jugend. 1971 kehrte er in die USA zurück, wo er von seiner Großmutter aufgezogen wurde und die private Punahou School besuchte. 1983 schloss er an der Columbia University in New York City  mit einem Bachelor in Politikwissenschaften ab, nach einigen Jahren in der Privatwirtschaft inskribierte er sich an der Harvard Law School und beendete diese mit „magna cum laude“.

Im Alter von 31 Jahren wurde er erstmals politisch aktiv, um die Wählerkampagne von Bill Clinton 1992 in der afroamerikanischen Gemeinschaft zu unterstützen. Im Jänner 2005 trat Barack Obama das Amt des Senators im US-Staates Illinois an. 2 Jahre später verkündete er in Springfield (Illinois) seine Präsidentschaftskandidatur und im Sommer 2008 wurde er, nachdem er sich gegen Hillary Clinton durchgesetzt hatte, von der Demokratischen Partei als offizieller Präsidentschaftskandidat präsentiert.

 

Ethos

Ethos behandelt die Selbstpräsentation des Redners; Hauptziel ist es, dass der Redner Glaubwürdigkeit vermittelt. Barack Obama verkörpert bei dieser Rede einen enthusiastischen Motivator. Dies äußert sich in mehrfacher Weise. Bevor die eigentliche Rede beginnt, versucht Sen. Obama schon, durch Blickkontakt sein Publikum zu erreichen: Blicke links, rechts, Umdrehen, zusätzliches Applaudieren und unzählige Danksagungen an das Publikum. Zu Beginn zeigt er mit dem erhobenen Zeigefinger in das Publikum und stellt fest: „I am still fired up and ready to go!”. Trotz der erlittenen Niederlage genießt er sichtlich das Bad in der Menge, lächelt und hält durchgehend Blickkontakt mit dem Publikum, zudem gibt er staatsmännisch und, ohne sich dabei zu schämen, seine Wahlniederlage zu und gratuliert Senatorin Hillary Clinton. Durch seine Mimik und das Umherblicken im Saal signalisiert er Selbstbewusstsein. Seinem Auftreten ist also die Niederlage nicht anzumerken.

Er steht, passend für den Anlass, im Anzug auf der Bühne. Die Bühne ist jedoch nicht leer, sondern hinter Obama stehen seine Anhänger mit Schildern. Diese tragen zwar Schilder und schließen sich manchmal den Sprechchören an, treten jedoch in normaler Straßenkleidung auf. Außerdem wirken sie wie „normale“ Bürger. Dadurch macht das Bühne-Setting einen egalitären Eindruck, der durch die „Normalität“ der Anhänger unterstützt wird. Dies wird auch inhaltlich immer wieder angesprochen, denn Obama führt an, dass er die verschiedensten Berufsgruppen, politischen Gruppen, etc. zusammenbringen will bzw. mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze vorliegen.

Obama spricht meist mit einer normalen Geschwindigkeit, macht jedoch viele kurze Pausen, wodurch die Rede eindringlicher wird. Die Stimmung in der Halle wird durch die kurzen rhetorischen Pausen noch angespannter. Bei den für ihn wichtigen Punkten beugt er sich über das Mikrofon, um die Lautstärke seiner Aussagen deutlich zu erhöhen.

Mimik und Gestik Obamas wirken sparsam eingesetzt und gezielt, ähnlich wie bei der Stimme, wo gewisse Punkte dadurch unterstrichen werden, dass die Lautstärke erhöht wird; auch bekräftigt Obama einige Aussagen mit einfachen Gesten. Seine Mimik wechselt zwischen Lächeln, entspanntem Blick und ernstem Gesichtsausdruck und wirkt dem Inhalt angepasst.

 

Pathos

Pathos beschäftigt sich mit der emotionalen Beeinflussung des Publikums. Zu Beginn der Rede ist noch ausklingende Musik zu hören, ebenso werden die Anhänger vermutlich durch Sprechchöre, die auch während der Rede wiederkehren, zusätzlich „angeheizt“. Aus diesem Grund kann Obama bereits auf einer guten Stimmung „aufbauen“. Obama erzeugt und verstärkt sowohl durch seine Inhalte als auch durch rhetorische Figuren verschiedene Emotionen im Publikum.

Auf inhaltlicher Seite greift Obama immer wieder Werte oder Themen auf, die die Menschen emotional betreffen. Obama weist die Zuhörer darauf hin, dass in Amerika etwas passiert:“[…] something happening in America […]”. Als brillanter Rhetoriker bindet er das Publikum zusätzlich in seine Rede ein:„[…] your voices and your votes […]“. Dabei erzeugt Obama ein Gemeinschaftsgefühl, welches auf das egalitäre Setting (siehe Ethos) aufbaut.  Diese Veränderung greift Obama immer wieder auf; er geht dann dazu über, dass die Menschen bereit sind, das Land in eine neue Richtung zu bringen. Lange bleibt unklar, worauf er genau hinaus will, er erweitert die Gruppe der Betroffenen immer mehr, von Regionen über ethnische Gruppen bis hin zu politischen Gruppen („Democrats, independents and Republicans[sic!]“). Dann erst offenbart er, was das allen gemeinsame Element ist: „who are tired of the division and distraction that has clouded Washington“. Er spricht zwar das Wort „Korruption“ nicht aus, doch „to challenge the money and influence“ ist eine klare Anspielung. Schließlich geht er von der allgemeinen Kritik zu den Zielen über, die hauptsächlich auf soziale Gerechtigkeit abzielen: Gesundheitsversorgung, Steuererleichterung für die Mittelklasse, Ausbau der Schulen, bessere Entlohnung der Lehrer, „weg vom Öl“ und Umweltschutz. Dabei richtet er sich gegen die großen Unternehmen und Industrien. Er spricht also die Werte des „kleinen Mannes“ und der Mittelklasse an und gibt gleichzeitig ein Feindbild, welches er jedoch nicht genauer ausführt. Diese Auflistung wird durch den Einsatz von rhetorischen Wiederholungsfiguren verstärkt, ebenso sind die Aussagen in kompakten Sätze ähnlicher Länge verpackt. Nachdem die Stimmung durch diese Ausführungen entsprechend angespannt ist, bringt Obama die Menge mit der Aussage: „And when I am president of the United States, we will end this war in Iraq and bring out troops home.“ zum Jubeln. Die Menge bricht schon beim ersten Teil des Satzes in Jubel aus, steht dieser Umstand doch im Gegensatz zur gerade erfahrenen Niederlage. Obama hat also die Thematik steigernd angeordnet, zu Beginn spricht er davon, was möglich ist und bleibt ungenau, geht dabei hauptsächlich auf die Gemeinsamkeiten ein; dann beginnt er mit Kritik und schließlich den Forderungen, die konkreter werden und beispielhaft ausgeführt sind. Schließlich geht er zu den emotionalsten Themen über, zuerst das Öl, welches gefolgt wird von seiner möglichen Präsidentschaft und dem daraus folgendem Rückzug der Truppen aus dem Irak. Nun geht Obama genauer auf den Irak-Krieg, Terrorismus, Amerikas „moral standing in the world“ und den 11. September ein. Dies ist der Höhepunkt der Rede. Danach geht Obama wieder mehr auf das Wir-Gefühl und seine Anhänger ein. Er greift das Thema der „falschen Hoffnung“ („false hope“) auf, welches ihm vorgeworfen wurde, woraufhin er auf die Geschichte und Werte Amerikas (Land der unbegrenzten Möglichkeiten) verweist: „But in the unlikely story that is America, there has never been anything false about hope.“ Die Menge reagiert wiederum mit Applaus und Obama setzt zu einem emotionalem Ende an, wo er auf schwierige Punkte in der amerikanischen Geschichte und Werte verweist, die die Amerikaner mit „Yes, we can“ beantwortet haben. Er verweist dabei auf die Verfassung, Sklaverei, Immigranten, Pioniere, Gewerkschaften, Frauenrechtlerinnen, Kennedy und Martin Luther King. Und schließlich die Grundwerte („opportunity and prosperity“) und das Selbstverständnis Amerikas als Weltmacht: „Yes, we can, to opportunity and prosperity. Yes, we can heal this nation. Yes, we can repair this world[sic!]. Yes, we can.“

Die Wahlkampfrede ist ein gutes Beispiel für den erfolgreichen Einsatz von rhetorischen Figuren. Durch deren Verwendung erzielt Obama emotionale Effekte im Publikum, die sich durch Rufe und andauernden Applaus äußern. Die rhetorischen Figuren sind über den ganzen Text verteilt und der Redner setzt verschiedene Varianten davon ein. Dominant sind Wortwiederholungen, welche eindringlich und dramatisierend wirken und dabei gewisse Inhalte in den Vordergrund rücken.

Anaphern, Hervorhebungen von Wörtern oder Wortgruppen am Satzanfang sind in dieser Rede vorherrschend – zum Beispiel „There is something happening …“, „It was…“. Dadurch erfährt das Gesagte eine Steigerung der Bedeutungs und hat eine einhämmernde Wirkung. Ebenso setzt Obama viele Antithesen ein, welche die Gegenüberstellung von Gegensätzen darstellt: „rich or poor“, „black or white“, „Latino or Asian“. Antithesen schaffen zum einen eine klare Abgrenzung, zum anderen erhöhen sie die Spannung durch das Gegenüberstellen zweier entgegensetzter Pole.

Die Rede bringt das Publikum in verschiedene emotionale Stimmungen, zuerst wird die Gemeinschaft beschworen, darauf folgt eine Mischung aus Hoffnung und Entrüstung, welche aufgegriffen wird und zu einer motivierenden Aufbruchsstimmung führt. Dies geschieht einerseits durch die oben genannten rhetorischen Figuren, andererseits auch durch das bewusste Heben und Senken der Stimmlage und den Einsatz von starken Emotionswörtern, wie „I love you back“, „hope“, „There is something happening in America“, „Americans can change it“, „Yes, we can“. Obama spricht die Menschen direkt an „You can be the new majority who can lead this nation“, er vermittelt ihnen den Glauben, aktiv an der Zukunft etwas ändern zu können und stellt sich selber auf eine Ebene mit dem Publikum: „We can do this“. Auffallend ist, dass er an populäre Werte wie Loyalität oder Zusammenhalt appelliert, welche vom Empfänger getragen werden und bei ruhigeren/einleitenden Parts eingesetzt werden. Ebenso schneidet er bewusst heikle und aufwühlende Themen an. Kein Amerikaner bleibt bei Themen wie Irak-Krieg, Terror oder Klimawandel ruhig.

 

Logos

Beim Logos werden sowohl der Redeinhalt wie auch die Strukturierung und vor allem die Argumentation betrachtet. Barack Obamas Rede enthält viele Referenzen und Fakten, welche er als Basis für seine Argumente einsetzt. Er verweist auf gerade stattfindende und erlebte Ereignisse, wie „men and women […] come out in the snows in January to wait in lines …“, die für die Zuseher direkt wahrnehmbar sind oder waren. Die Aussagen wirken durchgehend plausibel, sofern sie nicht seine direkten Wahlziele betreffen.

Er betont, den Krieg im Irak zu beenden und die Truppen abzuziehen, jedoch erwähnt er nicht, zu welchem Zeitpunkt er dies vorhat. Was ist aber mit den Truppen in Afghanistan zur Bekämpfung der Al-Qaida? Hier verspricht er, „den Job fertig zu machen“. Wie, lässt er jedoch offen. Auch spricht er davon, Amerika und die Welt gegen die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts zu vereinigen, wiederum wird in keinem Satz erwähnt, wie dies geschehen soll oder was er genau bewerkstelligen wird. Doch ist es nicht das Ziel der Rede, sein Wahlprogramm darzustellen und zusätzlich wird sie vor seinen eigenen Anhängern gehalten, weshalb der Inhalt durchaus ausreichend für die Situation und das Publikum ist. Die Rede ist logisch, in sich geschlossen aufgebaut und dank des Verzichts auf Fachausdrücke für jeden klar und verständlich.

Die Kernaussagen werden offen und klar ausgedrückt – „There is no problem, we cannot solve …“. Alles ist machbar in Amerika, „change is happening“, dadurch, dass Menschen zur Wahl gehen und Obama als Präsident den Wandel positiv beeinflussen kann.

Die Struktur der Rede ist für uns klar erkennbar:

  • Einleitung 00:00 – 02:00
  • Hauptteil
    • Part I: „There is something happening […] “02:10 – 03:36
      Einstimmen auf das gemeinsame “Wir”
    • Part II: „You, all of you, you can be the new majority […] “04:02 – 05:25
      Ihr (the majority) macht das möglich
    • Part III: „We can […]“ 05:37 – 06:42
      Beginnend mit „wir können“; Höhepunkt: Ich bin – Überleitung zu: wir wollen
    • Part IV: „[…] ask what you can do for change […]" 08:08 – 09:54
      Zugehörigkeit zu einer Gruppe, der Kampf wird lange – Hoffnung
  • Abschluss 10:10 – 13:09
    • Part V: „Yes, we can“

      Zeigt, was alles geschafft wurde, weil Menschen an sich glaubten – Gemeinsam kann man das ebenso schaffen.

Die Argumentation der Rede basiert hauptsächlich auf natürlichen Beweisen, Obama führt wenige kunstgemäße Beweise durch. Im Folgenden betrachten wir einige der kunstgemäßen Beweise. Obama führt an, dass die Menschen mit ihrem Verhalten klar machen, dass „etwas passiert“ („there is something happening“). Die Prämisse ist, dass die Menschen ihre Stimme erheben und wählen, deshalb „passiert etwas“, folgend dem Argumentationsmuster von Ursache und Wirkung. Nachdem Obama nicht näher ausführt, was passiert, ist die Aussage sogar tautologisch.

Obama führt mehrmals an, dass alle Kandidaten gute Ziele und Ideen verfolgen, aus diesem Grund muss er sich von ihnen in anderer Form distanzieren. Er führt an, dass „our campaign has always been different“ mit folgender Argumentation:

  1. Was er als Präsident tun wird (Indirekt: „not just about what I will do as president“)
  2. Was die Bürger des Staates tun können, um Amerika zu ändern („It is also about what you, the people who love this country, the citizens of the United States of America, can do to change it.“)

Allerdings ist dies nicht schlüssig, weil dies weder von seiner Kampagne, noch von ihm abhängig ist. Außer, das „you“ bezöge sich nur auf seine Anhänger, dies wird jedoch durch die nähere Spezifizierung (people, citizens) ausgeschlossen. Geht man vom zweiten Fall aus, so ist die Begründung der Differenzierung folgende: Obama und die potentielle Beteiligung seiner Anhänger bei der Umgestaltung Amerikas machen die Kampagne Obamas andersartig als die der anderen Kandidaten.

 

Lerneffekt/Anmerkungen:

Diese Rede ist ein Musterbeispiel: Der Redner kann sein Publikum begeistern und schafft es durch den Einsatz von rhetorischen Figuren, Gestik, Mimik und Stimme die Stimmung des Saales in jede ihm beliebige Richtung zu lenken.

Das ist uns besonders aufgefallen:

  • Die Wichtigkeit eines durchgehenden roten Fadens, u. a. auch durch stimmiges Zusammenspiel von Ethos, Logos und Pathos
  • Die Möglichkeit zur Hervorhebung von bestimmten Inhalten durch den Einsatz verschiedenster rhetorischer Figuren
  • Eine Rede bekommt durch die Verwendung von Fakten eine gute Basis und wirkt so glaubwürdiger
  • Stimmvariation und die richtige Kombination von Gestik und Mimik haben eine große Relevanz.

Im Endeffekt ist es auch für „normale Menschen“ und Studierende leicht möglich, eine gut gelungene und aussagekräftige Rede zu halten. Man muss sich nur an bestimmten Regeln und Beispielen orientieren und üben, üben, üben. Also: Yes, we can …

Die Rede kann man unter folgender Adresse finden:

http://de.youtube.com/watch?v=Fe751kMBwms

 

Quellen:

FAZ: Die politische Theologie des Barack Obama: Online unter:

http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E96DD2AE0DE184CFCB83BC1EB89BF8EE6~ATpl~Ecommon~Scontent.html

(Stand: 28.06.08)

Freitag26: Im Sog des „Wir“: Online unter:

http://www.freitag.de/2008/09/08090102.php (Stand: 28.06.08)

Süddeutsche Allgemeine: Obama in Versen, Hillary in Prosa: Online unter:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/84/153689/ (Stand: 28.06.08)

Youtube: Jeremiah Wright/Trinity United Church of Christ: Online unter:

http://www.youtube.com/watch?v=hAYe7MT5BxM&feature=related (Stand: 28.06.08)

Martin Luther King: „I hava a dream“


 

Katharina Matthes und Katharina Starzinger

Martin Luther King: "I have a dream"

 

Situationsinformation

“Ich habe einen Traum”. Nahezu jedem sind diese Worte, die aus Martin Luther Kings Mund stammen, ein Begriff. Anlässlich der großen Protestkundgebung March on Washington for Jobs and Freedom am 28. August 1963 hielt Martin Luther King diese Ansprache in Washington D.C. Vor dem Lincoln Memorial lauschten mehr als 250.000 Menschen seinen Worten.

Der Titel der Kundgebung March on Washington for Jobs and Freedom macht bereits klar, worum es King geht. Er setzt sich für Arbeit und Freiheit ein, genauer gesagt geht es ihm um die Gleichstellung der in den USA lebenden Afroamerikaner in Bezug auf Gleichheit, Freiheit und Arbeitsplätze.

 

Die Person Martin Luther King Jr.

Martin Luther King Jr. war ein US-amerikanischer Bürgerrechtler und Baptistenpastor. Er setzte sich insbesondere für soziale Gerechtigkeit und die Gleichstellung der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten von Amerika ein. Schon während des Studiums entdeckte er seine Leidenschaft für das Reden und nahm erfolgreich an mehreren Studenten-Wettbewerben teil. [http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_King]

 

Redegattung

Bei der Rede “I have a dream” handelt es sich um eine Mischung aus Gerichts- und Beratungsrede. Zum einen handelt der Inhalt von Recht bzw. Unrecht,  zum anderen geht King stark auf die Vergangenheit ein. Beides spricht für eine Gerichtsrede. Im Laufe der Rede geht King jedoch sowohl auf die Zukunft als auch den Nutzen bzw. Schaden ein, diese Punkte sprechen für die Beratungsrede.

 

Ethos

Martin Luther King war zum Zeitpunkt der Rede schon ein bekannter Führer der Schwarzenbewegung. Am Beginn der Rede wurde er vorgestellt als „Dr. Martin Luther King“. Zusätzlich ist er einer der Redner, die vor einer großen Menschenmenge sprechen (dürfen). Aus diesen Gründen ist eine große Autorität und Kompetenzvermutung gegeben. Aufgrund seiner Bekanntheit und Verdienste darf man darauf schließen, dass er auch die Sympathie des Publikums genießt.

Trotz seiner „erhöhten“ Position (physikalisch wie sozial) kreiert Martin Luther King ein „Wir-Gefühl“, indem er wiederholt Phrasen mit „us“, „we“, „our“, etc. einbaut und auch Erfahrungen persönlicher Diskriminierung einbringt. Mit seinen einfachen, aber sehr deutlichen Sätzen erhöht sich seine Authentizität und die Verbindung zum Publikum wird nochmals verstärkt. Durch seine Sprachwahl und das Verhältnis zur Umgebung zeigt Martin Luther King, dass er für diese Botschaft lebt und die Freiheit der Schwarzen sein Lebensziel darstellt.

Der schwarze Anzug mit Krawatte unterstreicht die hohe Stellung Kings, sie steht im Kontrast zu den weißen Anzügen und Kopfbedeckungen der Männer im Hintergrund. Diese stehen in unmittelbarer Nähe direkt hinter ihm und scheinen seine Rede zu verfolgen, ohne jedoch dabei in komplette Starrheit oder Andächtigkeit zu verfallen. Dadurch wirken die Männer im Hintergrund als ebenbürtig und geben der Szenerie eine egalitäre Wirkung.

King beginnt seine Rede sehr langsam mit Pausen, nahezu zelebrierend gesprochen, später steigert er graduell die Geschwindigkeit, bleibt jedoch im Großen und Ganzen langsam. Kings Stimme ist die ganze Rede hindurch rhythmisch, wodurch sie eindringlicher wirkt. Dies verleiht ihm auch eine erhabene Wirkung. Der seriöse und bestimmte Gesamteindruck wird noch durch die durchgehend aufrechte und gerade Körperhaltung ergänzt. Er verwendet vor allem am Anfang kaum Gestik oder Mimik und setzt nur am Höhepunkt seiner Ansprache Handbewegungen und Gesten ein. Seine Stimme setzt King entsprechend dem ein, welche Stimmung er beim Publikum erzeugen will. Wird der Inhalt emotionaler, wird schneller gesprochen; Dem Inhalt wird somit auch auf paraverbaler Ebene Ausdruck verliehen.

Während die Mimik kaum expressiver wird, so wird Kings Stimme im Laufe der Rede oftmals vehementer und eindringlicher. Dadurch erzielt King den Effekt, dass er zwar klar und bestimmt vorträgt, jedoch nicht feindselig wirkt. Auffällig ist das ständige Ablesen der Rede von der Vorlage, dadurch ist der Blickkontakt zum Publikum sehr eingeschränkt.

 

Pathos

Pathos behandelt die emotionale Beeinflussung des Publikums – dies umfasst das Auslösen von gewissen Emotionen im Publikum sowie den Einsatz von rhetorischen Figuren, die bei gezieltem Einsatz Inhalte hervorheben bzw. verschleiern können.

In Bezug auf Pathos lässt sich Folgendes bei „I have a dream“ feststellen: Martin Luther King spricht in seiner Rede viele Werte an, er spricht von Freiheit, Armut, Diskriminierung – große Themen, die bewegen. Diese Punkte stellt King in starken Kontrast, indem er Antithesen verwendet – dabei stellt die Kontrastsyntax die Vergangenheit, das Positive die Zukunft dar. Durch den Einsatz des Stilmittels wird die Wichtigkeit der von King geforderten Ziele besonders hervorgehoben, hier einige Beispiele:

Kontrast-Vergangenheit

  • „night of their captivity”
  • dark and desolate valley of segregation
  • quicksands of racial injustice”
  • oppression”

Ziel-Zukunft

  • joyous daybreak”
  • sunlit path of racial justice
  • solid rock of brotherhood
  • freedom and justice

Neben Antithesen verwendet Martin Luther King weitere rhetorische Figuren. Geminationes verleihen wiederholten Wörtern innerhalb einer Periode eine besondere Bestärkung, die Wörter “history“, “again and again“, “destiny“, “go back to…“, “sons of…“ in Wiederholung sorgen für eine Bekräftigung des ganzen Satzes, in dem sie vorkommen.

Auch Anaphern bewirken die Hervorhebung eines wichtigen Wortes, in diesem Fall durch eine Wiederholung am Satz(teil)anfang; die Bestimmtheit des Gesagten erhält eine Steigerung und erhöht die Eindringlichkeit. Beispiele in der Rede sind “One hundred years later“ (4-fache Wiederholung), “We refuse to believe“ (2-fache Wiederholung), “Now is the time to…” (4-fache Wiederholung), “We must“ (2-fache Wiederholung), “We can never be satisfied as long as…” (5-fache Wiederholung), “With this faith we will be able to…” (3-fache Wiederholung).

Martin Luther King hat auch einige Allusionen eingebaut, dabei handelt es sich um Andeutungen auf Inhalte bekannter Texte. Er verweist dabei sowohl auf die amerikanische Verfassung (“We hold these truths to be self-evident, that all men are creates equal.”), als auch auf die Gettysburg-Rede Lincolns (“Five score years ago…”) und des Öfteren auf die Bibel. [http://en.wikipedia.org/wiki/I_Have_a_Dream]

Um einen detaillierteren Einblick in Martin Luther Kings Wortwahl zu erreichen, wird  der Text im Folgenden genauer betrachtet. In Zeile 3 erwähnt King den Schatten eines großartigen Amerikaners (“shadow of a great American“), womit er Abraham Lincoln meint. Dabei ist – wie oben erwähnt – der Beginn des Satzes eine Allusion auf eine Lincoln-Rede. Abraham Lincoln gab den Schwarzen mit der Emanzipationserklärung eine großartige Perspektive (“great beacon of hope“ (Zeile 4 f.)). Dabei spricht King indirekt die Werte Freiheit und  Selbstbestimmung an. Metaphorisch führt er aus, dass diese Erklärung wirke wie „joyous daybreak to end the long night of their captivity“, um dann festzustellen, dass die Erklärung noch immer nicht erfüllt ist: „But 100 years later, …“. Wenig später greift er diesen Umstand nochmals metaphorisch auf, indem er von einem Scheck spricht, der nicht gedeckt ist. Dabei kommt es zu großem Gelächter im Publikum. Inzugedessen spielt er auch mit „bank of justice“ auf das Treuegelöbnis und auf die amerikanische Flagge (Pledge of Allegiance) „… with liberty and justice for all“ an. King verweist auf die Grundrechte und kollektive Kulturelemente (Hymnen, Lieder), ebenso wie auf die Grundwerte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Durch Antithesen stellt King Kontrastpaare her, wie zum Beispiel durch die Metaphern “lonely island of poverty“ (Zeile 9) und „vast ocean of material prosperity“ (Zeile 10). Sie zeigen und betonen den enormen Unterschied im Leben von Schwarzen und Weißen. Außerdem ist eine “lonely island“ von einem “vast ocean“ umgeben, was verdeutlicht, dass die Mehrheit aus Reichen besteht.

Durch das mehrmalige Wiederholen von „go back“, gefolgt von verschiedenen Regionen, spricht er Menschen aus den verschiedenen Konfliktzonen an. An die Menschen aus “Mississippi“ wird genauso appelliert wie an diejenigen aus “Georgia“ und anderen Staaten.

Die Metapher “it is a dream deeply rooted in the American Dream“ (Zeile 68) erklärt, wie selbstverständlich das Erreichen des Zieles eigentlich ist. Denn es ist das Grundrecht eines jeden Staatsbürgers, den Amerikanischen Traum zu verfolgen. Dies wird auch in der Wiederholung  des mit “I have a dream“ begonnenen Statements (Zeile 69-86), welches die Forderungen Kings beinhaltet, deutlich.

Der Redner erwähnt auch die Kinder, “children“ (Zeile 92), mit Blick auf künftige Generationen. Mit dem wiederholten Aussprechen des Wortes “together“ (Zeile 90) macht er klar, dass die Menschen nicht allein sind. Im Folgenden adaptiert er einen Liedtext (Allusion): “Let freedom ring…“ (Zeile 98-102) In den letzten Zeilen beschreibt King verschiedene Gruppen von Menschen, u. a. “Jews“, “Gentiles“, “Protestants“, “Catholics“ (Zeile 106 f.), wodurch er die Gleichheit der unterschiedlichen Gruppen hervorhebt, nicht nur von schwarz und weiß, sondern auch von verschiedenen Religionen. Er bedient sich religiöser Sprache, die sein Ziel für die Zukunft unterstreicht.

 

Logos

Logos behandelt die Inhalte, deren Plausibilität und Strukturierung, sowie die Argumentation und Beweisführung. Zuerst werden die wesentlichen Redeinhalte und ihre Strukturierung betrachtet.

Die Rede “I have a dream“ folgt einer nachvollziehbaren Gliederung; Sie ist in sechs Paragraphen unterteilt. Der erste und gleichzeitig kürzeste Paragraph stellt die Einleitung dar, in welcher der Redner hervorhebt, dass er sich für Freiheitsrechte einsetzt (Zeile 1 f.). Im zweiten Abschnitt erwähnt King die in der afroamerikanischen Bevölkerung ruhende Hoffnung, die bereits seit Jahren besteht, allerdings nie in die Tat umgesetzt wurde (Zeile 3-12). Im dritten Paragraph (Zeile 13-17) bezieht sich der Redner auf die Unabhängigkeitserklärung und die Tatsache, dass Schwarze immer noch Opfer von Diskriminierung und Ausgrenzung sind. Im nächsten Teil spricht King davon, was zum einen getan, zum anderen vermieden werden muss, um eine Veränderung der gegenwärtigen Zustände hervorzurufen. (Zeile 17-29) Im folgenden fünften Abschnitt (Zeile 30-66) bringt King dem Publikum seinen Willen, etwas zu verändern, noch einmal näher. Jeder soll sich angesprochen fühlen und so liefert der Redner viele Beispiele, mit welchen er jeden Zuhörer integriert. Im sechsten und letzten Paragraphen (Zeile 67-108) betont King zum wiederholten Male, dass Hoffnung und Glaube sehr wichtig zur Erreichung des Ziels der Gleichstellung und Vereinigung der Menschen sind.

Die Formulierungen und Darstellungen Kings wirken plausibel. Allerdings müsste man die Rede im historischen Kontext betrachten, da sie einige Jahrzehnte zurückliegt und die damalige Situation der Schwarz- und Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten als nicht allgemein bekannt vorausgesetzt werden kann. Jedoch finden sich keine wesentlichen Einwände gegen die Inhalte, weshalb man davon ausgehen kann, dass die vorgetragenen Fakten plausibel sind.

Bei der Betrachtung der Argumentation und Beweisführung der Rede fällt auf, dass King sehr wenig argumentiert. Die Rede ist – vom Logos-Aspekt her – eine Auflistung von Fakten. Zu Beginn führt der Redner aus, dass nach 100 Jahren noch immer eine Reihe von Missständen besteht; Er schließt diesen Paragraph mit „And so we've come here today to dramatize a shameful condition.“ Er begründet also kurz die Demonstration als Folge der bestehenden Ungerechtigkeiten, also mit einem Ursache-Wirkung-Argumentationsmuster.

King setzt auf wiederholte Auflistungen der Umstände, die durch rhetorische Mittel unterstützt werden und dadurch umso eindringlicher werden:„We can never be satisfied as long as the Negro is the victim of the unspeakable horrors of police brutality. We can never be satisfied as long as our bodies, heavy with the fatigue of travel, cannot gain lodging in the motels of the highways and the hotels of the cities.“

Die Argumentation ist einfach und klar gehalten: „weil x nicht erfüllt ist, können wir y nicht“. Die Umstände sind zum einen klar und deutlich, zum anderen durch ihre Alltäglichkeit umso treffender und nachvollziehbarer für das Publikum. King verwendet weitere ähnliche Argumentationen im Paragraphen und schließt diesen dann mit einer generellen Forderung nach „justice“ (Gerechtigkeit) ab. Er bringt also konkrete Beispiele, die die Situation veranschaulichen und Projektionsfläche für das Publikum schaffen, um dann die generelle (abstrakte) Forderung zu äußern.

Generell lässt sich also sagen, dass King auf komplexe Argumentationen verzichtet. Jedoch wird die Eindringlichkeit und Qualität der gesamten Argumentation durch rhetorische Mittel und Anschaulichkeit verstärkt, wodurch diese allgemein verständlich und durch ihre stilistische Qualität auch intellektuell ansprechend und somit für ein breites Publikum geeignet ist.

 

Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos

Die Rede stellt ein Musterbeispiel des Zusammenwirkens von Ethos, Pathos und Logos dar. King tritt seriös, klar und bestimmt auf, jedoch in einem Maße, welches nicht feindselig wirkt. Dies entspricht auch seinem Redeinhalt, wo er klare Forderungen stellt und gleichzeitig dazu aufruft, diese Forderungen ohne Gewalt einzufordern. Auch bei den angesprochenen Gefühlen geht er auf positive Werte, wie Freiheit, Gleichheit und Prosperität ein, anstatt an Rache oder ähnliche negative Werte zu appellieren. Er gibt damit in seiner Rede den gewaltfreien bestimmten Weg vor, dem seine Anhänger folgen sollen und wird so seiner Führungs- und Vorbildrolle gerecht.

 

Kritikpunkte

Es gibt im Wesentlichen nur einen klaren Kritikpunkt bei der Rede, nämlich den Umstand, dass King einen Großteil seiner Rede direkt abgelesen hat bzw. immer wieder längere Zeit auf seine Redevorlage geblickt hat. Dadurch konnte King keinen wirklichen Blickkontakt zum Publikum herstellen.

Video der Rede bei Youtube:

George Dennis Carlin: „Religion is bullshit.“


 

Joachim Wald und Raoul-André Wortmann

George Dennis Carlin: Religion is bullshit

 

Einleitung

„Religion is bullshit“ ist ein Kabarettstück des US-Amerikaners George Dennis Carlin. Carlin wurde 1937 in New York geboren und verstarb erst kürzlich, am 22. Juni 2008, in Santa Monica. Er war in den Vereinigten Staaten von Amerika als Stand Up Comedian äußerst erfolgreich und besonders als Tabubrecher bekannt. Er war nicht nur als Komiker, sondern auch als Schauspieler und Autor tätig.Absolute Höhepunkte in Carlins Karriere stellten die zahlreichen Grammy Awards dar.

„Religion is bullshit“ fällt in das Genre Kabarett. George Dennis Carlin hat dieses Stück nicht nur unzählige Male eingeübt, sondern auch schon oft aufgeführt. Das stellt natürlich nicht den Standard für eine durchschnittlichen Rede dar, da eine Rede im Normalfall nur einmal gehalten und nicht so vehement eintrainiert wird wie ein Kabarettstück.

 

Redegattung

Bei dem Kabarettstück handelt es sich um eine Tadelrede. Die Hauptaufgabe einer Tadelrede besteht darin, zu belehren und zu unterhalten. Carlin kritisiert den (monotheistischen) Glauben der Menschen und tadelt dabei scheinbar Gott, doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass er vielmehr das von den Menschen erdachte Konzept von Gott kritisiert.

 

Situationsinformation

In seinen Programmen arbeitete der Komiker meist mit Sprache, Psychologie und insbesondere der Religion. In seinen späteren Auftritten nimmt er mit Vorliebe auch vermehrt die amerikanische Politik aufs Korn.

In seinen Comedy-Programmen arbeitete George Carlin meist mit aktuellen sowie mit kulturellen und anderen Themen. In den Stücken konnte er unter dem Schutzmantel von Sarkasmus und Ironie sehr gut seine eigenen Einstellungen und Meinungen vermitteln. In der hier analysierten Situation und dem hier behandelten Teil des Programms spricht Carlin über Religion und bezeichnet ihn als „Religion is bullshit“.

Die Aufführung, welche zum wiederholten Male aufgeführt wurde, findet auf der Bühne der Bass Performance Hall in Fort Worth, Texas, statt. Die Bass Performance Hall war ausverkauft, was die Vermutung nahe legt, dass das Publikum Carlin wohlgesonnen war und seine Fähigkeiten als „Unterhalter“ schätzte (Kompetenzvermutung).

 

Ethos

George Carlins Darstellung ist sehr expressiv gehalten. Sein Energielevel ist während des gesamten Kabarettstücks sehr hoch. Er wirkt sehr impulsiv und aufgeweckt und setzt seine Mimik, Gestik, Körpersprache und Stimme mit großer Variation und überzeichnet ein. Dabei untermalt und unterstreicht Carlin die textlichen Inhalte. Er verändert zum Beispiel seine Körperhaltung und  -bewegungen, um sie dem Inhalt anzupassen. Wenn Carlin positiv über Gott spricht, dann steht er relativ gerade und spricht in einem normalen Ton. Geht es jedoch um negative Eigenschaften Gottes, dann bückt er sich weiter nach unten und spricht auch in einem wesentlich tieferen Ton. Ebenso reißt er seine Augen weit auf, wenn er über Gott spricht. Das wirkt so, also wolle er über etwas sehr Wichtiges und Großes reden. Gleichzeitig macht er sich jedoch auf inhaltlicher Ebene darüber lustig.

Das Auftreten Carlins in schwarzer Kleidung mit seinen grauen, nach hinten gelegten Haaren und ebenfalls grauem Vollbart gibt ihm einen intellektuellen und existentialistischen Touch. Er erfüllt genau "das Klischeebild des melancholischen, meist schwarz gekleideten jungen Existentialisten, der zwischen Jazzkeller, Cafe und Universität" (http://de.wikipedia.org/wiki/Existentialismus) verkehrt.

Der Ton macht die Musik und Carlins Tonspektrum ist sehr vielseitig. Er verfügt über eine hohe Stimmvariation, welche er mit nonverbalen Elementen noch unterstreicht. Hingegen greift er auf der anderen Seite auf einen sehr einfachen Wortschatz zurück. Die Sprache ist leicht verständlich und beinhaltet kaum Fremdwörter. Schimpfwörter dagegen kommen zahlreich vor. Generell wirkt Carlin trotz der bewusst eingesetzten Darstellung sehr authentisch.

 

Pathos

„Religion is bullshit“ setzt sich mit Religion, Glauben und Gott auseinander; dabei handelt es sich um sehr emotionale Themen, da diese Themen eng mit Werten und Glaubensüberzeugungen der Menschen  verwoben sind. Kritik oder gar ein Angriff auf persönliche Werte oder Glaubensvorstellungen löst üblicherweise starke emotionale Reaktionen der betreffenden Person aus. Carlin nähert sich dieser schwierigen Thematik auf humorvolle Art und Weise. Gott an sich wird als Person betrachtet, wodurch er auf eine Stufe mit dem Menschen gestellt wird. Carlin spricht beispielsweise von Gott teilweise einfach als „guy“. Folgende Passage ist ein gutes Beispiel für die Personifizierung von Gott: “And by the way, I say 'this guy' because I firmly believe, looking at these results, that if there is a God, it has to be a man. No woman could or would ever fuck things up like this.” In dieser Äußerung macht sich Carlin nebenbei auch noch über die “männliche Spezies” lustig.

Carlins einfacher und mit Schimpfwörtern durchsetzter Wortschatz steht im Gegensatz zum hohen inhaltlichen Niveau des Themas. Diese Diskrepanz sorgt für eine emotionale „Grundspannung“, die mit entsprechendem Humor schnell in Gelächter verwandelt wird. Als Beispiel sei die Aussage „Holy Shit!“ genannt, die in diesem Kontext einen Wortwitz darstellt und auch den oben genannten Gegensatz illustriert. Des Weiteren spricht Carlin immer wieder alltägliche Umstände an, wodurch ein persönlicher Bezug für das Publikum hergestellt wird.

Carlin erzeugt großes Gelächter im Publikum – zum einen durch seine übertriebene non- und paraverbale Darstellung, zum anderen durch seine Angriffe auf althergebrachte Glaubensvorstellungen und Angewohnheiten. Diese Vorstellungen und Gewohnheiten werden überzeichnet und in einfachen Sachverhalten dargestellt, dadurch nimmt Alltägliches geradezu groteske und lächerliche Formen an, wie zum Beispiel: „Religion has actually convinced people that there's an invisible man living in the sky who watches everything you do, every minute of every day.“ Durch den Vergleich der Bibel mit populären Geschichten und Kindererzählungen erzeugt Carlin nicht nur einen Wiedererkennungseffekt, sondern erntet durch dieses kuriose Gegenüberstellen der Bücher auch viel Gelächter. Im Publikum löst folgende Passage ungemein großen Beifall aus: „And for those of you who look to The Bible for moral lessons and literary qualities, I might suggest a couple of other stories for you. You might want to look at the Three Little Pigs, that's a good one. Has a nice happy ending, I'm sure you'll like that.“

George Carlin verwendet als weiteres Stilmittel Zynismus. Zynismus wird oft fälschlicher Weise mit Sarkasmus verwechselt. Zynismus beschreibt die Herabsetzung von Wertvorstellungen anderer Menschen, aber auch die grundsätzliche Infragestellung moralischer Werten. Ein Beispiel hierfür in „Religion is Bullshit“ ist: „But people do pray, and they pray for a lot of different things, you know, your sister needs an operation on her crotch, your brother was arrested for defecating in a mall. But most of all, you'd really like to fuck that hot little redhead down at the convenience store. You know, the one with the eyepatch and the clubfoot? Can you pray for that?…“. In diesem Beispiel zieht Carlin nicht nur das Beten an sich ins Lächerliche. Er leitet vom Beten sogar über auf ein – in der Öffentlichkeit/Fernsehen – wenig angesprochenes Thema, nämlich Sex. Durch diese extreme Gegenüberstellung zweier Dinge, die sich in moralisch gesehen an zwei entgegensetzten Polen befinden, spielt Carlin den Zynismus-Trumpf voll aus. Dies führt im Publikum zu lautem Beifall und Gelächter.

 

Logos

Carlins Rede enthält eine Vielzahl von Argumenten, welche sich hauptsächlich auf kunstgemäße/technische Beweise stützen. Seine Beweisführung stützt sich auf eine Vielzahl von allgemeinen Aussagen über das tägliche Leben und der populären Vorstellung des monotheistischen/christlichen Glaubens. Diese Aussagen setzt er meist so in den Kontext, dass sie einen Widerspruch (Kontradiktion) ergeben.

 

In den meisten Fällen sind die Argumente logisch und plausibel. Jedoch zieht Carlin keine klare Trennlinie zwischen Religion, Kirche und Gott. So kritisiert er Religion allgemein, obwohl er sich inhaltlich nur im monotheistischen „Bereich“ bewegt. Oder wenn er behauptet, dass Gott immer mehr Geld braucht, spricht er eigentlich nur die jeweiligen Kirchen an. Abgesehen von diese Ungenauigkeiten macht Carlin keine größeren Fehler in seiner Argumentation und der inhaltlichen Darstellung.

 

Wie schon erwähnt bedient sich Carlin hauptsächlich des Widerspruchbeweises, wobei er oft nur die Prämissen anführt und die Konklusion dem Publikum überlässt, wie zum Beispiel zu Beginn
  1. Bei Verstoß gegen die Gebote schickt Gott dich/den Sünder für immer in die Hölle.
  2. Gott liebt dich/alle.

Carlin kommentiert diesen Widerspruch nicht weiter; stattdessen beschreibt er in seiner Präsentation zunächst die Hölle und fügt dann lakonisch an: „But he loves you!“.

Manchmal führt Carlin die Konklusion auch aus, wie im Folgenden beim klassischen Problem der Theodizee:

  1. Gott ist allmächtig, allgütig und allwissend.
  2. Es gibt Krieg, Elend, etc. auf der Welt.
    Carlin präsentiert dieses Argument in Form einer Personifikation Gottes, indem er anmerkt, dass diese Ergebnisse nichts auf dem Lebenslauf eines höheren Wesens verloren haben. Deshalb zieht er den Schluss, dass Gott
  3. mindestens inkompetent und vielleicht gleichgültig gegenüber der Situation ist.

Im Bereich der Topik zieht Carlin hier die Fundorte für die Beweise aus der Person und der Sache. Da wären die Herkunft (natura), Taten (facta) und Gewohnheiten (habitus): Gott, Inkompetenz und Gleichgültigkeit. Bei der Sache sei die Wirkung (eventus) in Form von Krieg etc. genannt.

Seine Kritik an Gott fasst Carlin in einem Satz zusammen, indem er eine klare, harte und eindeutige Aussage trifft, die er – in ihrer Präsentation – nur dadurch abschwächt, dass er sie auf sich selbst bezieht:

"So rather than be just another mindless religious robot, mindlessly and aimlessly and blindly believing that all of this is in the hands of some spooky incompetent father figure who doesn't give a shit, I decided to look around for something else to worship.
Die implizite Argumentation ist klar:

  1. Wenn man an (diesen) Gott glaubt,
  2. dann ist man „ just another mindless religious robot…“

Inhaltlich bedient sich Carlin nicht nur direkter, sondern auch indirekter Angriffe. Im Mittelteil seines Stücks geht Carlin (scheinbar) darauf ein, warum er die Sonne verehrt. Dabei zählt er jedoch alle die Punkte auf, die im Licht der üblichen religiösen Praxis lächerlich wirken bzw. von ihm als lächerlich dargestellt werden: „Sun worship is fairly simple. There's no mystery, no miracles, no pageantry, no one asks for money, there are no songs to learn, and we don't have a special building where we all gather once a week to compare clothing. And the best thing about the sun, it never tells me I'm unworthy.“

Dies hat mehrere Vorteile: Durch die kontrastreiche Darstellung ist es leichter, alltägliche übernommene Verhaltensweisen bloßzustellen. Außerdem werden die teilweise sehr harten Feststellungen abgeschwächt, da sie in umgekehrter Form angebracht werden. Schließlich hat die indirekte Formulierung einen eigenen humoristischen Effekt.

Gegen Ende des Stücks äußert sich Carlin noch gegen die Praxis des Betens. Er führt dabei einen Widerspruchsbeweis, wobei er die Effektivität des Betens und den göttlichen Plan gegeneinander antreten lässt: Wäre Beten erfolgreich, dann könnte es den göttlichen Plan beeinträchtigen. Also muss entweder Beten sinnlos sein oder der göttliche Plan kann durch Beten beeinträchtigt werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass George Carlin sehr viele Argumente aufzählt, welche die Sinnlosigkeit von Religion deutlich machen sollen. Somit überzeugt er das Publikum und zieht es auf seine Seite. Carlin beschreibt viele religiöse Gewohnheiten und Gegebenheiten und stellt diese als sinnlos und lächerlich dar. Die einzelnen inhaltlichen Teile des Kabaretts werden nicht ein- oder übergeleitet, was den Eindruck erweckt, als würde Carlin von einem Thema zum nächsten springen. Das gesamte Kabarett-Stück wirkt inhaltlich logisch und ist leicht verständlich. Die zentrale Aussage findet sich kurz und prägnant in der dem Titel des Stücks wieder: „Religion is bullshit“.

 

Verhältnis Ethos-Pathos-Logos

Das Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos ist bei diesem Kabarett unserer Meinung nach sehr gut abgestimmt. Auch wenn es so scheinen könnte, dass Carlin seine Gags spontan bringt, so ist dieses Stück sicherlich dutzende Male geprobt und einstudiert worden. Carlin setzt zum richtigen Zeitpunkt Pausen, um dem Publikum „Zeit zum Lachen“ zu geben. Er wartet auch das Gelächter ab, um im richtigen Zeitpunkt wieder zu starten. Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Ethos-Pathos-Logos ist die kurze, folgende Passage: „And I say, fine. Pray for anything you want. Pray for anything, …” Während dieses Satzes geht Carlin locker kleine Schritte umher, bewegt die Hand gleichmäßig locker von einer Seite auf die andere. Er hält die Augen eher geschlossen, so als würde er „ein Auge zudrücken“. Dabei spricht er langsam mit angenehmer Stimme. Dann folgt der Satz: „… but what about the Divine Plan?” Das “but” wird begleitet, in dem er den Zeigefinger zur Warnung anhebt. Das „but“ wird kurz und laut ausgesprochen. Und Carlin reißt wieder die Augen auf, da er wieder von „dieser wichtigen Sache“ spricht. Das Beispiel macht schön deutlich, wie Carlin Ethos, Pathos und Logos einsetzt, um dem Publikum mit emotionaler, rationaler und darstellerischer Prägnanz eindringlich Inhalte zu vermitteln.

 

Anmerkungen/Lernfaktor

„Religion is bullshit“ ist ein gutes Beispiel für perfekt eingesetzte Gestik und Mimik. Das Zusammenspiel mit dem Gesagten ist optimal. Es scheint fast so, also wäre jedes Detail geplant und bewusst ausgeführt, trotzdem wirkt alles spontan und authentisch. Das macht Professionalität aus. Somit ist es uns nicht möglich, Verbesserungsvorschläge zu diesem Kabarettstück zu machen. Hingegen kann man gerade in Bezug auf Körpersprache viel von Carlin lernen, da jede Gestik/Mimik/Körperhaltung zu gesprochenem Wort und Inhalt passt.

Das Video zur Rede kann unter folgender Adresse gefunden werden:

 

Erfahrungsbericht


Bernhard Kast

Moderne rhetorische Rollenmodelle – Erfahrungsbericht

Die Idee für die Lehrveranstaltung „Moderne rhetorische Rollenmodelle” war, dass eine Redeanalyse und somit indirekt eine Modellierung von vorbildlichen Reden auf der Basis von Videomaterial durchgeführt wird. In Büchern und auch Kursen war es lange Zeit üblich, Beispielreden nur in schriftlicher Form zu bearbeiten. Diese Praxis war durchaus sinnvoll, doch durch die mittlerweile hohe Verfügbarkeit von Onlinevideos, DVDs und anderen multimedialen Quellen steht ein breites Spektrum an vorbildlichen Reden in guter Ton- und Bildqualität zur Verfügung, was die Verwendung von entsprechenden „multimedialen Inhalten“ zur logischen Folge hat.

Ein weiterer Aspekt war, die Theorie anhand von Beispielen direkt zu veranschaulichen, also den Studierenden mehr zu „zeigen“, als zu „erklären“. Aus diesem Grund wurde die Lehrveranstaltung von mir auch so konzipiert, dass der Vortrag des Lehrenden nur einen kleinen Teil ausmachen sollte; die offene Diskussion und Teamarbeit dagegen sollten im Vordergrund stehen. Ebenso sollten die Studierenden selbst die Möglichkeit erhalten, in den „Genuss“ von gruppendynamischen Prozessen (=Vortrag mit anschließender Diskussion und Moderation durch die Studenten selbst) zu kommen.

Die konkreten Inhalte orientierten sich an den drei aristotelischen Überzeugungsmitteln Ethos (Person des Redners), Pathos (emotionale Beeinflussung des Publikums) und Logos (Argumentation). Meine Absicht war, für diese Trias ein bewusstes Grundverständnis zu schaffen, welches durch wiederholte Analysen zu einem (unbewussten) „Grundgespür“ führen sollte. Um die erlernten Inhalte nochmal zusammenfassend anzuwenden, sollten in Zweiergruppen Kurzartikel in Form einer Redeanalyse für die Plattform „Rheton“ der Universität Salzburg erstellt werden. Soviel zu den Überlegungen, dem Rahmen und der Theorie. Im Folgenden möchte ich konkret ausführen, was funktioniert und was nicht funktioniert hat und welche Erfahrungen ich aus meiner Lehre gezogen habe.

Die Einbindung der Studierenden durch Vorträge mit selbstmoderierter Diskussion und Informationssammlung ist sehr gut gelungen. Für manche Studierende war es kein Problem, die Gruppen so zu leiten, dass die Diskussion und Informierung erfolgreich verlief. Andere Studenten wiederum scheiterten daran kläglich und lernten dadurch, welche Fehler man vermeiden sollte.

Eine Herausforderung, die ich leider zu spät als solche erkannte, war, den Studierenden Sinn und Zweck des Kurzartikels nahezubringen. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen war ich selbst vom generellen Nutzen sehr wohl überzeugt; bestand doch meine Diplomarbeit zum Großteil aus einer Redeanalyse. Zum anderen aber betrachtete ich die Verfassung des Artikels nicht als grundlegend für den Kurs. Dementsprechend stiefmütterlich behandelte ich die Promotion des Lerneffekts.

Aufgrund der Tatsache, dass die bisherigen analysierten Reden meist in geschriebener Form vorlagen, legte ich einen Schwerpunkt auf die nonverbalen und paraverbalen Inhalte. Deshalb wurde der eigentliche Redeinhalt teilweise vernachlässigt, der bei Textanalysen im Vordergrund stand. Infolgedessen verzichtete ich auch auf eine generelle Behandlung von Argumentationstheorie und -analyse, die für gewöhnlich Inhalt eines eigenen Kurses sind. Bei der Vorbereitung einen zukünftigen Kurses ist es daher nötig, wohl mindestens zwei bis vier Einheiten für Argumentationsanalyse einzuplanen und entsprechende Literatur bereitzustellen.

Das Hauptziel, nämlich den Studierenden ein Grundverständnis und „Grundgespür“ für Ethos, Pathos und Logos zu vermitteln, wurde erreicht. Bei der Feedbackrunde in der letzten Einheit erzählte eine Studentin, dass sie inzwischen selbst bei Referaten und Gesprächen „automatisch“ und nebenbei die drei Überzeugungsmittel zu analysieren begänne, woraufhin andere Studierende Ähnliches berichteten. Dies stellt eine enorme Steigerung zu unseren ersten im Unterricht durchgeführten Analysen dar, wo die Studierenden noch erhebliche  Schwierigkeiten hatten, einige wenige Punkte zu erkennen.

Bei der Korrektur und redaktionellen Nachbearbeitung der Artikel wurde mir klar, dass sich bei manchen Studierenden einige Ungenauigkeiten und auch Fehler eingeschlichen hatten, wohingegen andere Studierende genau und korrekt vorgingen. Eine Ursache dafür dürfte sein, dass die gemeinsamen Diskussionen über die Reden für manche Studierenden zu wenig hinreichend bzw. meine Darstellungen nicht immer ausführlich genug waren. Aus diesem Grund scheint es mir sinnvoll, in Zukunft während des Semesters ein bis zwei schriftliche Überprüfungen durchzuführen, die als fachliches Feedback für den Lehrenden dienen sollten. D.h. jene Aspekte, die von den Studierenden nicht oder falsch beantwortet werden, sollten richtig gestellt werden bzw. neuerlich erklärt werden. Äußerst interessant war der Umstand, dass die praktischen rhetorischen Fähigkeiten indirekt proportional zu der Qualität der Artikel waren, d.h. jene Studierende, die sich als sehr gute Vortragende erwiesen haben, haben bei der Analyse meist essentielle Punkte nicht ausreichend beschrieben (oder beschreiben können?).

Die Stimmung war den ganzen Kurs über locker, die Inhalte und Diskussionen haben darunter keineswegs gelitten. Ganz im Gegenteil, eine explizite Aufforderung zur Mitarbeit war sehr selten nötig, ebenso hielten sich die Störungen durch Gespräche sehr in Grenzen. Böse Zungen mögen behaupten, dass dies daran lag, dass einer der üblichen Störenfriede nicht mehr als Student, sondern als Lehrveranstaltungsleiter anwesend war.   

Wahlkampfabschlussrede von Wilhelm Molterer


 

Katrin Erschbaumer, Barbara Schnitzer

Rede zum Wahlkampfabschluss von Wilhelm Molterer

Situation

Diese Rede von Wilhelm Molterer klassifizieren wir als Lobrede auf Erwin Pröll. Sie wurde am 6.03.2008 in Niederösterreich gehalten. Molterer geht es in erster Linie darum, den „Irrtum der Wähler“ von 2006 (dass ein roter Bundeskanzler gewählt wurde) zu korrigieren.

Ethos

Anzumerken ist, dass diese Rede etwas geschnitten ist, was die Spannung gleich am Anfang steigert. Der Schnitt hat allerdings den negativen Effekt, dass der Übergang von einer „Szene“ in die nächste nicht fließend ist. Schnitteffekte sind oft Hilfsmittel, eine Rede dynamischer erschienen zu lassen. In Molterers Rede wurde dieser Effekt nur am Anfang angewandt. Die Rede dauert zusammengeschnitten zirka zehn Minuten.

Wilhelm Molterer steht auf einer Bühne hinter einem Rednerpult und spricht zu einem großen Publikum. In der ersten Reihe sitzt Erwin Pröll, auf welchen sich die Rede zum Teil bezieht. Das Publikum trägt größtenteils Schals und schwingt Fahnen in den Farben der Niederösterreichischen Volkspartei. Das gesamte Publikum ist also auf der Seite von Molterer. Dies ist natürlich ein großer Vorteil, weil Molterer sich anders darstellen und andere Worte benutzen kann, als vor einem Publikum, das sowohl aus Befürwortern, als auch aus Gegnern besteht. Auf einer neutralen Wahlkampfrede würde er sicher niemals den „roten Bundeskanzler“ als „Fehler“ bezeichnen. Das Publikum wird außerdem oft von der Kamera gefilmt, die die Rede aufzeichnet. Vor allem beim Jubeln wird das Publikum oft gefilmt. Dies hat den Effekt, dass die Stimmung immer besser wird bzw. dass der Zuseher von den Emotionen, die das „unmittelbare“ Publikum vermittelt, ebenso beeinflusst wird.

Molterer gibt sich sehr selbstbewusst und sicher. Er nimmt im Laufe seiner Rede mehrere Rollen ein. Zum einen die des Lehrers: Molterer gestikuliert vor allem mit seinen Händen. Da er hinter einem Rednerpult steht, hat er nur die Möglichkeit, den oberen Teil seines Körpers einzusetzen. Die Lehrerrolle ist vor allem am Heben des Zeigefingers erkennbar. Der Lehrer will seine Schüler belehren, ihnen vielleicht sogar unbewusst drohen, wenn sie ihm nicht gehorchen. Eines ist jedoch ganz klar, er vermittelt:„Ich weiß Bescheid“ – nicht nur äußert er dies praktisch 1:1 auf inhaltlicher Ebene, sondern auch auf paraverbaler Ebene mit lauter und energischer Stimme. Die Rolle des Lehrers wird durch die eines Verkäufers ergänzt. Er will die Partei gut verkaufen und von ihrer besten Seite  darstellen. Die Zuhörer sollen ihm seine Rede bzw. seine Partei und Erwin Pröll „abkaufen“.

Durch seine Kleidung wirkt Molterer sehr seriös und glaubwürdig. Er trägt einen dunklen Anzug und eine hellblaue Krawatte. Seine Kleidung ist in dieser Hinsicht nichts Besonderes, weil jeder, der die Rede verfolgt, auch nur dies von einem guten Politiker erwartet. Würde Molterer in Jeans und Bermudahemd auftreten, hätte er von Anfang an schlechte Karten, als Politiker überhaupt ernst genommen zu werden.

Molterers Gestik und Mimik stimmen mit seinem Redeinhalt überein. Er unterstützt ihn außerdem mit gezielten Handbewegungen und Gesichtsausdrücken. Auffällig ist, dass er häufig den Mundwinkel nach oben zieht. Hierbei gewinnt man den Eindruck, dass er dies unbewusst macht, da es wie ein „Tick“ aussieht. Es wirkt allerdings authentisch und daher sympathisch.

Seine Körperhaltung wirkt standhaft und solide. Molterer hält stets Blickkontakt mit dem Publikum und mit Erwin Pröll, wenn er in seiner Rede von ihm spricht. Blickkontakt ist bei der Persuasion sehr wichtig. Würde sich Molterer ständig an Notizen festklammern oder diese herunterlesen, könnte er niemals so große Überzeugungsarbeit leisten oder diese Stimmung hervorrufen. Mit seinem ständigem Blickkontakt hält Molterer den „Draht“ zu seinem Publikum.

Molterers Auftreten beinhaltet autoritäre und auch „volksnahe“ Elemente. Durch sein sicheres Auftreten, seinen ständigen Blickkontakt und seine gezielten und ruhigen, aber starken Gesten, wirkt Molterer sehr autoritär. In seiner Rede bezieht er sich immer wieder auf sich selbst, was den Anschein erweckt, er würde alles wissen und sich überall auskennen. Im Hintergrund stehen außerdem Leute in Anzügen in einer Reihe. Es wirkt fast ein bisschen so, als wären diese sein Gefolge, seine „Diener“, und er der „König“.

Durch den Einsatz seines Dialektes, zum Beispiel „des sog i“, „kloar“, „bei di Leit is“ etc. schafft Molterer eine Verbindung zum „einfachen Menschen“. Dies ergänzt seine autoritäre Selbstdarstellung, da er sich nicht als „gebildeter Besserwisser“ (Intellektueller, Akademiker) präsentiert.  Er weiß, dass sein Publikum größtenteils im Dialekt spricht und so kann er sich geschickt als „einer von ihnen“ positionieren. Er benutzt ebenfalls keine Fachausdrücke und eine einfache Sprache. Da er weiß, dass das große Publikum, das er zu überzeugen hat, nicht nur aus Akademikern besteht, kann er durch diese einfache Sprache eine breite Masse erreichen und wirkt nicht hochnäsig. Molterer gelingt die Kombination und Integration der beiden Rollen „Autoritätsperson“ und „ich bin einer von euch“, dadurch wirkt er weder zu ernst oder zu „flapsig“.

Molterers Stimme ist allgemein sehr kräftig und an bedeutenden Stellen wird er lauter. An anderen Stellen spricht er verhältnismäßig leise und langsam, um gewisse Passagen in seiner Rede sanft und gutmütig erklingen zu lassen. Beispielsweise in diesem Abschnitt:

[Leise] „Um deine österreichische Volkspartei, lieber Erwin, und mir ist dein Wahlkampfauftakt dieses Spiels, das durch die österreichischen Zeitungen gegangen ist, diese tiefe Erinnerung, wo du mit diesem Kind redest. Und wissen Sie, was verantwortungsvolle Politik ist? Heute die Politik so zu gestalten, dass man morgen den Kindern in die Augen sehen kann.“ [Laut] „In Niederösterreich herrschen klare Verhältnisse, in Niederösterreich gibt’s klare Mehrheiten und in Niederösterreich gibt’s klare Positionen. Das ist die Grundlage des Erfolges in diesem Land, liebe Freunde, und das hat Niederösterreich stark gemacht.“

Pathos

Molterer tritt sehr energisch auf. Das Publikum wird unter anderem durch emotionale Äußerungen beeinflusst. Ebenso spricht Molterer wiederholt verschiedene Werte an, diese reichen von generellen politischen Konzepten wie „Sicherheit“ zu persönlichen Qualitäten wie „Handschlagqualität“. Dabei nutzt Molterer wiederholt private Erzählungen, um Betroffenheit und Authentizität zu erzeugen:

„Um deine österreichische Volkspartei, lieber Erwin, und mir ist dein Wahlkampfauftakt dieses Spiels, das durch die österreichischen Zeitungen gegangen ist, diese tiefe Erinnerung, wo du mit diesem Kind redest. Und wissen Sie, was verantwortungsvolle Politik ist? Heute die Politik so zu gestalten, dass man morgen den Kindern in die Augen sehen kann.“

Beim folgenden Beispiel fallen besonders die häufigen Wortwiederholungen auf, Molterer nutzt hier die rhetorischen Figuren Anapher, Epipher und Geminatio. Durch die ständige Wiederholung wird die Urteilsfähigkeit des Publikums eingeschränkt und der geringe Informationsgehalt überspielt. Molterer setzt an mehreren Stellen rhetorische Figuren ein, insbesondere dann, wenn es um Positionen, Angriffe oder Lob geht. Die Figuren erhöhen die Eingängigkeit dieser Punkte und lenken von der – meist schwachen – Argumentation ab, wie unter Logos genauer ausgeführt wird. Wie zum Beispiel:

„Und ich schätze, ich schätze an dir lieber Erwin, eine Fähigkeit, die besonderen Charakter hat und besonderen Charakter zeigt. Du liebst die Menschen. Du suchst die Menschen. Du suchst den Kontakt. Und wenn du den Kontakt suchst, und weil du bei den Menschen bist, weißt du, wo sie der Schuh drückt“.

Molterer setzt noch andere rhetorische Figuren wie Metaphern und Vergleiche. Metaphern haben eine veranschaulichende Wirkung und überzeugen oft mehr als bloße Daten und Fakten. Metaphern können sowohl Dinge ausdrücken, die in anderer Form nicht passend ausgedrückt werden können, als auch abstrakte Sachverhalte vereinfacht darstellen. Ein Beispiel für eine einfache Metapher:

„Sie schlagen in Ihrem Land, liebe Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher, am Sonntag ein neues Kapitel in dieser Erfolgsgeschichte dieses Landes auf.“

Anhand der Analyse der Rede kann man feststellen, dass sich diese rhetorischen Figuren konstant durch die ganze Rede ziehen. Sowohl am Anfang, als auch in der Mitte und am Ende der Rede befinden sich Stilmittel, die die Rede lebendig erscheinen lassen und gewisse Inhalte hervorheben.

Häufig greift Molterer Feindbilder auf. Er erwähnt „gebrochene Wahlversprechen“, den „roten Kanzler“ bezeichnet er als Fehler. Als Gegensatz, und um sich und seine Partei aufzuwerten, geht er immer wieder auf „populistische“ Themen ein. Beispiele: Sicherheit, klare Verhältnisse…

Um das Publikum emotional zu beeinflussen, nutzt Molterer auch seine Stimme, seine Körpersprache und den Blickkontakt. Er wird lauter, wenn das Thema brisant wird, und leiser, wenn es um Kinder und die Heimat geht. Die Inhalte sind so gewählt, dass die Werte der (niederösterreichischen) ÖVP abgedeckt werden  (Erfolgsmodell, Sicherheitspolitik, klare Verhältnisse, keinen Kompromiss, etc.). Dadurch bringt er sein Publikum immer wieder zum Jubeln und Fahnenschwingen.  Allgemein benutzt Molterer eine sehr floskelhafte Sprache mit vielen gängigen Phrasen:

„Eure Volkspartei, eine Partei nicht nur der klaren Positionen ist in der Frage Sicherheit, Arbeit oder soziale Gerechtigkeit, sondern auch eine Partei ist, die auf einer Wertebasis, auf einer klaren Wertebasis Politik macht.“ „Bei dir ist ein A ein A und ein B ein B und ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein.“ „Sie schlagen in Ihrem Land, liebe Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher, am Sonntag ein neues Kapitel in dieser Erfolgsgeschichte dieses Landes auf.“

Logos

Beim Logos geht es um Redeinhalt, die Beweisführung und die Strukturierung der Rede. Dabei werden auch Punkte wie inhaltliche Korrektheit und Plausibilität betrachtet.

Molterer macht einen inhaltlichen Fehler: Laut dem Lebenslauf seiner Homepage  (http://www.wilhelmmolterer.at/) ist er 1955 geboren, allerdings spricht er in seiner Rede davon, mehrere Regierungsformen[sic!] genossen“ zu haben, womit er allerdings nur Regierungskonstellationen oder Mehrheitsverhältnisse gemeint haben kann, sofern er sich auf die österreichische Geschichte bezieht.

Generell kommen wenige konkrete Aussagen vor. Molterer bleibt – von den Erzählungen abgesehen – auf einer sehr abstrakten Ebene. Er spricht dabei von „klaren Verhältnissen“, „klaren Positionen“, „Sicherheit“, „Vollbeschäftigung“, „sozialer Gerechtigkeit“, „Wertebasis“, „Erfolgsmodell“ und anderen Begriffen, die nicht näher ausgeführt oder bestimmt werden. Dementsprechend ist der Informationsgehalt sehr gering. Molterer bringt sehr wenige Argumente vor. Er zitiert sich ständig selbst, worunter die Plausibilität leidet.

Die Argumentation ist einfach gehalten – zwar ist sie nicht widersprüchlich, jedoch auch meist nicht wirklich schlüssig. Wie im folgenden Beispiel:

„In NÖ herrschen klare Verhältnisse, in NÖ gibt’s klare Mehrheiten und in NÖ gibt’s klare Positionen. Das ist die Grundlage des Erfolges in diesem Land liebe Freunde und das hat NÖ stark gemacht.„

  1. Es herrschen klare Verhältnisse, Mehrheiten und Positionen in NÖ.
  2. Deshalb ist NÖ erfolgreich und stark.

Ob hier Ursache („Klarheit“) und Wirkung (Erfolg) wirklich zusammenhängen, ist nicht klar. Molterer führt zwar noch ergänzend seine Erfahrung auf Bundesebene an, was vielleicht seine Partei zu überzeugen vermag, aber von einem allgemeinen Standpunkt aus betrachtet unzureichend ist. Ebenso führt Molterer aus, dass Erwin Pröll Handschlagqualität besitzt und begründet dies damit, dass er weiß, wovon er selbst spricht. Würde er dabei nicht auf sich selbst, sondern zumindest Kollegen verweisen, würde dies der allgemeinen Glaubwürdigkeit sicherlich zuträglich sein. Die Rede besteht hauptsächlich aus Aussagen und Behauptungen, die manchmal mit einer dürftigen Argumentation verbunden sind. Die Rede wirkt zwar verständlich und im Kontext überzeugend; Sie ist jedoch außerhalb einer Veranstaltung der niederösterreichischen Volkspartei keineswegs plausibel.

Eine Struktur ist in Molterers Rede nicht explizit erkennbar; Jedoch weißt sie eine gewisse Grobstruktur auf. Am Anfang geht Molterer auf die Volkspartei in Niederösterreich allgemein ein, dann auf konkrete politische Maßnahmen (Sicherheitsfrage, Bundesheereinsatz), darauf erwähnt er Lob für Erwin Pröll und zum Schluss sendet er einen Appell an die Wähler:

„Sie haben es in der Hand. Und ich rufe den Niederösterreicherinnen und den Niederösterreichern zu: Schafft Klarheit und wählt Erwin Pröll! Dann geht’s dem Land auch in Zukunft gut.“

Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos

Unserer Meinung nach sind Ethos, Pathos und Logos gut aufeinander abgestimmt, wenn man davon absieht, dass nicht wirklich eine logische Struktur erkennbar ist. Molterer gelang es immer wieder, authentisch zu wirken. Das, was er sagte, stimmte meist mit seinen Gesten und seiner Mimik überein. Das Gesagte wird durch die paraverbalen und nonverbalen Elemente unterstützt.

Dass in seiner Rede nur wenige Fakten und Informationen auftauchen, wird dem Zuhörer nicht schnell bewusst. Es ging Molterer in erster Linie darum, sein Publikum zu begeistern und emotional zu berühren. Die Wortwahl der Rede ist ebenfalls geschickt, da viele Begriffe mehrmals auftauchen und daher große Wirkung besitzen. So zum Beispiel:

„liebe Freunde“, „Sicherheit“, „klare Verhältnisse“, „Verantwortung“, „eure Volkspartei“…

Kritik

Molterer gelang es, durch seine Rede das Publikum mitzureißen und zu motivieren, was am Jubel des Publikums ersichtlich war. Die Zuhörer fühlten sich angesprochen und emotional berührt, was vor allem daran lag, dass sie Anhänger der Niederösterreichischen Volkspartei sind. Die Rede war der Situation somit angepasst. Der größte Fehler Molterers war, dass er sich ständig selbst zitierte und nicht in der Lage war, gute und überzeugende Argumente vorzubringen:

Und ich weiß, wovon ich rede.“, „Ich hab mehrere Regierungsformen genossen…“, „Und ich sage Euch, das ist in der Politik gerade in bewegten Zeiten essentiell wichtig. Jemand als Partner zu haben, der Handschlagqualität hat, und auch hier weiß ich, wovon ich rede, meine Damen und Herren.“

Fazit

Die Rede klassifizieren wir allgemein als sehr gut. Sehr gut in dem Sinne, dass sie ihren Zweck, nämlich die Begeisterung, Überzeugung und Unterhaltung des anwesenden Publikums, voll erfüllt hat. Sieht man jedoch vom Kernpublikum ab, so muss man vor allem beim Logos mehr als ein Auge zu drücken, um von einem befriedigend sprechen zu können. Molterer merkt man an, dass er ein Profi ist, wenn es um politische Reden geht. Es ist nämlich nicht so einfach, das Publikum zufrieden zu stellen, zu überzeugen und mitzureißen. Man muss jedoch auch erwähnen, dass Molterer primär zu einem Publikum spricht, das seiner Partei folgt und damit seine Überzeugungen und Werte teilt.

Die Rede ist zu finden auf der Internetseite: http://de.youtube.com/watch?v=8BdFYdhb47A

Parlamentsrede von Dr. Gregor Gysi


 

Holger Weiss und Michael Wagmeister

Parlamentsrede von Dr. Gregor Gysi

 

Situationsinformation

In diesem Artikel wird eine Rede von Dr. Gregor Gysi analysiert, die dieser am 21. Juni 2006 während der 39. Parlamentssitzung des Deutschen Bundestages hielt. Anlass jener Rede ist der zum Haushaltsetat vorliegende Vorschlag der seit 2005 amtierenden großen Koalition (CDU/SPD). Geführt wird die Regierung durch die Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel.

 

Der Redner – Dr. Gregor Gysi

Der am 16. Januar 1948 in Berlin geborene Gysi ist als promovierter Jurist und Rechtsanwalt gemeinsam mit Oskar Lafontaine Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Die Linke stellt mit 53 der 612 zur Verfügung stehenden Sitze die zweitschwächste politische Kraft dar (8,7%). Lediglich das Bündnis 90/Die Grünen hat mit 51 Mandaten noch weniger.

 

Interessant erscheint am Rande, weniger für die Analyse des Redebeitrages als in Bezug auf die beiden zuvor genannten Persönlichkeiten, dass Gregor Gysi als ehemaliger DDR-Politiker und Parteimitglied bzw. Vorsitzender der SED-PDS (1989-1993) zumindest offiziell aufgefallen ist, z.B. durch sein Engagement im Neuen Forum oder auch, als einer der wenigen freien Anwälte der DDR, durch Vertretung von Ausreisewilligen und Regimekritikern. Schenkt man der Literatur Glauben, so galt hingegen die Familie der heutigen Bundeskanzlerin als nicht oppositionell. Die junge Kasner war nach ihrem Abitur als Studentin der Physik aktiv bei der FDJ (Freie Deutsche Jugend) sowie der Pionierorganisation Ernst Thälmann.

 

Einleitung und Überblick

Für die Analyse haben wir als Autoren uns für die aus unserer Sicht bewährte Dreiteilung nach Aristoteles entschieden. Es sollen die fließend ineinander übergehenden Überzeugungsmittel Ethos, Pathos und Logos dargestellt und mit passend erscheinenden Beispielen belegt werden. Inhaltlich lässt sich die Ausführung durch Gysi wie folgt gliedern:

  • Begrüßung + Witz (Deutsche Fußballnationalmannschaft)
  • Situation: Erwartete Information + Kurzübersicht: Innen- und Außenpolitik
  • Außenpolitik
    • Iran (Nutzung von Atomkraft, Waffenproblematik)
    • Amerika (Aggressive Außenpolitik gegenüber Iran)
    • EU (Verfassungsvorlage und Abstimmung)
  • Innenpolitik
    • Sanierungsfall (Kanzler Schröder)
    • Konzerne + Kritik an SPD (Steuerkonkurrenz)
    • Soziale Marktwirtschaft in Europa (Sozialabbau)
    • Körperschaftssteuer
    • Kritik an SPD (Ungerechtigkeit) + Mehrwertssteuererhöhung
    • Umfragewerte bewusst durch SPD manipuliert
    • ökonomische und politische Folgen
      • Kaufkraftverlust, Insolvenzen von Klein- und Mittelbetrieben
      • Deutschland als „Exportweltmeister“ vs. schwacher Binnenmarkt wegen Sozialabbau, Zustand der Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung
      • Kürzung der Pendlerpauschale, Sparerfreibetrag
      • Hartz IV: zumutbare Arbeit, zu wenige offene Stellen
      • Arbeitslosengeld (SPD Kritik, CDU überholt SPD in puncto Sozialgerechtigkeit), „Abgeordnete müssen sich an eigene Nase fassen“
      • Ausbildungsplätze (Brief durch Altkanzler Kohl), typisch sozialdemokratisch: Output ≠ Outcomes
      • Elterngeld (geringes Zugeständnis zu Teilen der Vorschläge, Kritik der Umverteilung)
      • Privatisierung: öffentliche Altersdaseinsvorsorge und Bsp. Stromkonzerne
      • Föderalismus: Bundeslandwechsel, Kinder, Bildungsstandard
      • Deutsche Einheit: z.B. Landesminister vs. Marburger Bund (Klinikärzte), Gleichstellung West-Ost, öffentlich geförderter Beschäftigungssektor: Bund spart Arbeitslosengeld in Mecklenburg-Vorpommern
      • Fazit: Nein zum Etat (der LINKEN)

Auf diese sich herauskristallisierte Inhaltsabfolge wird hinsichtlich einer auffindbaren Strukturierung noch unter dem Punkt Logos eingegangen.

Wie bereits dargestellt handelt es sich bei der Rede um die eines Politikers im Rahmen einer Debatte des 16. Deutschen Bundestages. Wie sich im späteren Verlauf zeigt, handelt es sich bei dieser, wie zu erwarten war, um eine Beratungsrede, die in einigen Fällen auch Charakteristika der Gerichtsrede annimmt. Dies geschieht zum einen durch das Auftreten des Redners (siehe Ethos) und seine implizite Forderung nach Gerechtigkeit, wobei er sich hauptsächlich mit der Vergangenheit – dem Tathergang – auseinandersetzt. Die Grundausrichtung der Rede zeigt jedoch in die Zukunft und orientiert sich mehr an Nutzen/Schaden als an der Gerechtigkeit, weshalb es sich um eine Beratungsrede handelt. Die politische Ausrichtung der Linksfraktion im Hinterkopf, sollte sich der Zuhörer nicht wundern, dass die vorgetragenen Inhalte eine mehr oder weniger harsche Kritik an den Regierungsparteien darstellen.

 

Ethos

Im Folgenden soll die Rednerrolle von Gregor Gysi analysiert werden. Dazu wird die Selbstpräsentation des Redners betrachtet, zum Beispiel, welchen grundlegenden Charakter  eine Person in ihrem Beitrag einnimmt und mit welchen Mitteln dies geschieht. Gestik, Mimik, Ausdruck und andere nonverbale sowie paraverbale Eigenschaften werden ins Blickfeld gerückt, ebenso wie inhaltliche Aussagen. Dadurch wird untersucht, wie sich Gysi vor dem Publikum in Szene setzt.Gregor Gysi spricht bei dieser Rede im Deutschen Bundestag vor Parlamentskollegen.  Er tritt in seiner Funktion als Oppositionspolitiker, als „Anwalt der 'kleinen Leute' und sozial Schwachen“ auf.

Gysi macht einen sehr gefestigten und soliden Eindruck auf den Hörer/Seher. Der gepflegte Auftritt im schwarzen Anzug mit geschlossenem Jackett, Krawatte und weißem Hemd wird durch Eloquenz und beschriebenem Wortwitz unterstrichen. Die Begrüßung der Präsidentin und der Bundeskanzlerin ist freundlich und von angemessener Höflichkeit. Allerdings währt die positive Grundhaltung nicht lange – durch eine humoristische Offerte nimmt Gysi Bezug auf die vorhergegangene Rede Merkels, in der diese (offensichtlich) die Leistung der Fußballnationalmannschaft aufgriff und scheinbar im verallgemeinerbaren positiven Leistungszusammenhang mit der Regierungsarbeit  sah. In der restlichen Redezeit wirkt Gysi kämpferisch und orientiert sich klar am Dissens. Durch seine energische Stimmlage und regelmäßige Betonung seiner Gestik wirkt Gysi engagiert und glaubwürdig. Seine Stimme variiert wenig, sie ist meist kraftvoll und in einem aggressiven Ton gehalten, ebenso auf inhaltlicher Ebene, wo er eine Anschuldigung nach der anderen vorbringt. Dadurch wirkt er einerseits eben glaubwürdig und engagiert, anderseits ermüdet er damit auf Dauer die Zuseher. Er versucht nicht, Gemeinsamkeiten zu finden, sondern er sucht nach polarisierenden Gegensätzen. Dadurch positioniert er sich auch, aus seiner Sicht positiv, gegenüber den etablierten Regierungsparteien. Dabei führt er die Rolle des Anklägers, der sich gegen die Etablierten und Reichen wendet. Immer nimmt er bei seinen angesprochenen Themen den Bezug zu sozial Schwachen und stellt sie den „Vermögenden und Konzernen“ gegenüber.

Die direkte Anrede der „Schuldigen“ wird durch die Körperhaltung verstärkt. Zur Verdeutlichung: Beispielsweise wird der Umstand angesprochen und gleichzeitig kritisiert, dass die Kanzlerin den US-amerikanischen Präsidenten G.W. Bush zu Wahlkampfzwecken nach Deutschland eingeladen hat. Jetzt richtet sich Gysis Blick eindeutig zu der sich von ihm aus rechts befindlichen Sitzreihe der Regierung. Gleiches gilt im Falle Steinbrück: Auch der Finanzminister wird direkt angesprochen. Hierbei dreht sich der Sprecher abwechselnd zur sich rechts hinter ihm befindlichen Regierung und zu seiner eigenen Fraktion (traditionell) ganz links. Jedoch wird auch der Blickkontakt mit den übrigen Anwesenden gesucht. Dieses Wechselspiel der Blickrichtung macht sowohl dem neutralen Beobachter (Video) als auch den Betreffenden vor Ort deutlich, dass es dem Redner wichtig ist, dass seine Aussagen ihr Ziel treffen und ernstzunehmendes Engagement dahinter steht. Die Blicke Gysis wirken weder orientierungslos im Raum schweifend oder eine ungewisse Größe suchend, sondern passen stets zum Inhalt, den er vorträgt.

Durch oftmalig locker-lässiges Anlehnen am Pult (immer in Richtung der Regierungsbank) nimmt er der Bundestagsrede ihren förmlichen Charakter, zumindest scheint er die formale Haltung etwas aufzuweichen. Er nimmt dann immer direkt Bezug auf die Regierungsvertreter/innen, meist Bundeskanzlerin Merkel. („Frau Bundeskanzlerin, ich bitte Sie, wer George W. Bush für den Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern braucht, der hat die Wahlen schon verloren…“). Dadurch kommuniziert er eine Art kollegiale Haltung gegenüber den Angesprochenen, was Gysi weniger formell wirken lässt. Ansonsten verhält er sich relativ statisch im Raum, wie es im Bundestag nicht anders zu erwarten ist. Dieser Umstand hängt u. a. mit der notgedrungenen Gebundenheit an das Rednerpult bzw. die Mikrofone zusammen.

Zur Rolle als Redner bleibt, sich aus der Analyse des Ethos ergebend, zu sagen, dass Gysi als Anwalt bzw. Chefankläger agiert. Die Mimik und Gestik sind durchwegs offensiv oder gar aggressiv, ebenso verhält es sich – wie bereits erwähnt – mit der Stimme. Ergänzend noch einige inhaltliche Ausschnitte, die dies widerspiegeln:

„Ich weiß noch, dass Herr Kohl damals sagte, es werde im Osten keine Massenarbeitslosigkeit geben und die Einheit koste kein Geld; es gebe keine Steuererhöhungen. Ebenso kann ich mich erinnern, dass Sie damals einen Spitzenkandidaten namens Oskar Lafontaine hatten, der sagte: Erstens wird es Massenarbeitslosigkeit geben und zweitens wird es zu Steuererhöhungen kommen.“ (Wichtig ist dabei das Wissen um den Umstand, dass Oskar Lafontaine heute ebenfalls zur Fraktion „Die LINKE“ gehört.) Gysi bezieht sich hier direkt auf die Aussagen der Gegenpartei und macht deutlich, dass damals bereits durch „seine Seite“ auf die negativen Folgen und Auswirkungen hingewiesen wurde. Hier ist die Parallele zu einem juristischen Gerichtsverfahren ganz offensichtlich. Durch Gegendarstellung des Sachverhaltes wird argumentativ der Vorteil gesucht. Hierbei wird auf die Leistung der eigenen Partei verwiesen und der Gegner in einer Form der Ignoranz dargestellt. Diesen Fehler der damaligen Regierung prangert Gysi nun an. Ebenfalls ein Beleg ist der Vorwurf gegenüber Merkel, sie verschweige bewusst Zahlen und Fakten. Auch diese Praxis lässt sich in Verhandlungen wieder finden. Ein Rechtsvertreter würde niemals dem Gericht Belege liefern, welche seinen Mandanten belasten, selbst wenn ihm diese unter Umständen bekannt sind. In der Rede lässt sich dieses wieder finden, wenn Gysi sagt: „Bestimmte Zahlen nennen Sie nicht. Ich will einmal die Steigerung einer Größe von 2004 zu 2005 nennen. Die Gewinne und Einkommen aus Vermögen sind im Vergleich von 2004 zu 2005 um 31 Milliarden Euro gewachsen. Im selben Zeitraum sind die Bruttolöhne und -gehälter der Bevölkerung um 5,7 Milliarden Euro gesunken.“ Solche Passagen, die von der Interessenvertretung sozial Schwacher zeugen, ziehen sich durch den gesamten Beitrag.

 

Pathos

Neben Ethos und Logos stellt der Pathos eines Redners ebenfalls einen Untersuchungsbereich bzw. ein weiteres Überzeugungsmittel dar. Die emotionale Beeinflussung des Publikums steht hierbei im Vordergrund. Eine mögliche Leitfrage ist beispielsweise: Welche Affekte und Gefühle werden im Publikum erzeugt?  Hierbei liegt der Fokus sowohl auf sprachlichen Stilmitteln und rhetorischen Figuren als auch auf Geschichten.

Gysi spricht die Emotionen der Zuhörer auf mehreren Ebenen an, zum einen geht er – meist indirekt – auf verschiedene Werte ein, zum anderen nutzt er sprachliche Hilfsmittel, wie rhetorische Figuren, um gewisse Effekte zu erzeugen.Gysi spricht immer wieder verschiedene Werte an; allerdings tut er dies meist indirekt und verspricht auch weniger, gewisse Werte zu liefern. Stattdessen führt er aus, wie die gegnerischen Parteien diese Werte missachten. Dies passt auch zu dem Grundtyp des Anklägers: Es geht ihm hauptsächlich darum, den Gegner „schlecht darzustellen“.

Ein Beispiel hierfür ist der Verweis auf Sicherheit und Frieden/Krieg, als Gysi Merkel fragt: „Was machen wir denn nun, wenn George W. Bush wieder durchdreht [Sicherheit] und Krieg gegen den Iran führt? Erklären Sie hier doch einmal eindeutig und verbindlich [Sicherheit], dass Deutschland dann nicht zur Koalition der Willigen [Kriegseinsatz → Frieden/Krieg] gehören und daran teilnehmen wird.“

Gysi nutzt immer wieder Zahlen und Fakten, um indirekt Werte aufzugreifen oder seine Appelle zu unterstützen. Hierfür steht unter anderem konkret die Nennung des real existierenden Wachstums an Einkommen und Gewinnen aus Vermögen, womit Gysi den Wert der (sozialen) Gerechtigkeit anspricht. Dieses wird mit 31 Mrd. EUR beziffert.  Der Appell an die Sozialdemokraten (09’20’’) macht diese Rolle deutlich. „Ich BITTE Sie, Es gibt mittlerweile Reiche, die sind linker als die Sozialdemokraten.“ Durch diese mutmaßliche Darstellung wird auf Seiten der Zuhörer eine Art der Scham erzeugt, welche den Links-vorsitzenden wiederum im rechten Licht erscheinen lässt. Wenn eine politische Partei quasi von der „naturgemäßen“ Anhängerschaft der eigentlichen Gegner überholt wird, in Punkten, die vom Grundsatz her eher die eigene Programmatik betreffen, muss dieses als Armutszeugnis gewertet werden.

Gysi greift sowohl die SPD als auch die CDU an, indem er ihre Grundwerte (sozial, konservativ, etc.) mit ihrer gemachten oder geplanten Politik in Widerspruch setzt. Er wirft ihnen somit Heuchelei bzw. Verrat ihrer Grundprinzipien vor. Dabei geht er geschickt vor, denn er nutzt konkrete Punkte ihrer Politik, die in seiner Darstellung falsch oder unzumutbar sind/waren; Allerdings bringt er diese Handlungen in Kontrast zu den Grundprinzipien der Parteien. Die Gegner sind somit „schuldig“ im konkreten Fall sowie auch im allgemeinen Fall vor ihren eigenen Prinzipien. Durch diese ganzheitlichen Angriffe spricht ihnen Gysi somit die komplette Legitimität ihrer Politik und damit ihre Glaubwürdigkeit ab. Er spricht dabei auf die Emotionen Zorn und Empörung an, welche durch den „Verrat“ der eigenen Werte bzw. Wählerschaft ausgelöst werden soll. Ein amüsantes Beispiel hierfür findet sich zum Beispiel im letzten Drittel der Rede, wo es zu einem kleinen relativ humorvollen Seitenhieb auf die angeblich „konservativen Werte“ der Union kommt: „Sie sagen Eltern mit zwei schulpflichtigen Kindern: Wenn ihr einen Arbeitsplatz wollt, müsst ihr auch bereit sein, das Bundesland zu wechseln. Das sei heute nun einmal so. Ich will jetzt einmal davon absehen, dass Ihre gesamte Ideologie in Bezug auf Kirchenchor und Schützenverein, denen man 40 Jahre lang angehören sollte, angesichts eines so flexiblen Arbeitsmarkts nicht mehr aufgeht; das geht alles ein bisschen durcheinander. Aber das macht ja nichts; das ist Ihr Problem.“ Ergänzt werden diese Angriffe durch ironische Bemerkungen („unser gemeinsamer Anteil an den Erfolgen der Fußballnationalmannschaft ist, glaube ich, gleich null…“) oder durch Unterstellungen bzw. Verallgemeinerungen lässt Gysi die Gegnerseite lächerlich und lügnerisch dastehen („Das war ja auch wieder typisch sozialdemokratisch, sie haben es zwar beschlossen, es aber dann nicht in Kraft treten lassen“).

Gysi nutzt generell wenige rhetorische Figuren, allerdings setzt er die Wiederholungsfigur Geminatio erfolgreich ein; Dabei handelt es sich um die Wiederholung von einem Wort oder einer Wortgruppe in einem Satz. Hier ein Beispiel:

„Deshalb haben wir keine gerechte Vermögensteuer [sic!], keine gerechte Veräußerungserlössteuer, keine gerechte Körperschaftssteuer, keine internationale Börsensteuer, nichts von dem, was wir benötigten, um Sozialabbau zu verhindern und mehr Gerechtigkeit in diesem Lande zu finanzieren. Wer soll das Ihrer Meinung nach alles bezahlen? Sie wollen das über die Mehrwertsteuer finanzieren.“

Die vierfache Wiederholung des Negativ-Begriffes „keine“ zeugt von einer nahezu katastrophalen Bilanz. Die reine Anhäufung lässt beim Hörer ein quantitatives Ungleichgewicht entstehen und hat zudem eine einhämmernede Wirkung, wodurch die Eingängigkeit der Aussage erhöht wird.

Ein weiteres sehr gutes Beispiel für den gezielten Einsatz von Stil und Ausdruck ist dieser Abschnitt:

„Was haben die Konzerne für die Steuergeschenke versprochen, Frau Bundeskanzlerin? Sie haben gesagt, wenn die Kosten gesenkt würden, könnten sie Arbeitsplätze schaffen. Dann haben sie Pressekonferenzen gemacht. Auf den Pressekonferenzen haben sie die Politik verhöhnt und gesagt: Das war sehr nett. Schönen Dank. Wir haben tolle Gewinne. Dafür bauen wir Arbeitsplätze ab.“

Entscheidend erscheint uns hier der Satzbau, genauer gesagt die Satzlänge. Durch die kurz gehaltene, aufzählungsartige Darstellung der Reaktion der Wirtschaft wird der unerwünschte Undank gegenüber vermeidlicher Sozialpolitik verstärkt. „Das war sehr nett.“ Einfacher Satz, 4 Wörter. „Schönen Dank.“ – Eine Floskel, die einen verhöhnenden Charakter innehat, 2 Wörter. „Wir haben tolle Gewinne.“ Die Industrie rückt (wieder sich selbst) in den Mittelpunkt (Frage der Relevanz), 4 Wörter. Konsequenz: „Dafür bauen wir Arbeitsplätze ab.“ 5 Worte wirken wie ein Schlussstrich unter der ganzen Rechnung. Maßnahmen zur Sicherung sozialer Gerechtigkeit greifen nicht, dagegen liegt nach Gysis Meinung eine bewusste Bevorteilung der Wirtschaft vor. Durch diese vier schnell hintereinander folgenden, sehr kurzen und dadurch höchst verdichteten und prägnanten Aussagen wirkt es wie eine Salve aus dem Gewehr. Die Abkanzelung und Verhöhnung der Politik durch die Konzerne, die auf inhaltlicher Basis ausformuliert wird, wird hier nochmals akustisch wiedergegeben.

 

Logos

In Bereich Logos werden die Redeinhalte, die Argumentation und die Strukturierung der Rede behandelt. Generell lässt sich feststellen, dass die Sprache Gysis sehr gut verständlich ist. Sein klares Hochdeutsch mit leichtem Berliner Akzent passt zur Sozialisation des Politikers. Nach einer kurzen ironisch aufzufassenden Bemerkung hinsichtlich der derzeit stattfinden Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, die für sich genommen eine Art Eisbrecher-Funktion besitzt, bzw. die inhaltliche Verbindung zu vorausgegangenen Ausführungen darstellt, kommt der Redner schnell zum Thema seines Beitrages: Eine breite Abhandlung und Kritik der Bundesregierung.

Den Informationsgehalt der Rede sehen wir als hoch bis sehr hoch. Durchgehend werden genaue Fakten und Zahlen zu den jeweiligen Kritikpunkten genannt, welche den Redner kompetent und gut informiert wirken lassen. Alle Meinungen des Redners scheinen objektiv begründbar. Dieses Fazit muss selbstverständlich die jeweilige (partei-) politische Einstellung und Argumentationssicht berücksichtigen.

Auffällig ist vor allem die Fülle an Referenzen und Fakten, welche als Basis für Argumente genutzt werden: Verweis auf Geschichte (Wahlen), Aussagen von Personen zur Entwicklung der Kosten und sozialen Verhältnissen nach dem Mauerfall, internationale Gesetzesvorlage, Wirtschaftslage, Europäische Steuersituation, etc. Zur Verdeutlichung lediglich ein Beispiel Gysis:

„Die ganze Konkurrenzsituation, die Sie schildern, ist nicht gegeben. In der Europäischen Union der 25 liegen wir bei den Steuern auf Platz 24. Wir sind die Vorletzten. Nur die Slowakei hat geringere Steuern als Deutschland.“

Gysi hat ein klares Argumentationsschema, welchem er die meiste Zeit über treu bleibt.  Zuerst wird ein Missstand mit seinen Fakten genannt, dann wird der Missstand kritisiert, oft auch mit anderen Situationen verglichen oder in Relation gebracht und abschließend vermeintliche Lösungsvorschläge aufgezeigt:

„Sie haben zu Recht über die fehlenden Ausbildungsplätze gesprochen. Es fehlen 50 000. Aber es fällt Ihnen nichts anderes ein, als das zu tun, was Helmut Kohl getan hat. … Ich muss Ihnen sagen: Diese Bittbriefe an die Unternehmen helfen gar nichts. Entweder muss der Staat dann ausbilden, das ist nicht das Ideale, das weiß ich; aber es wäre immerhin eine Ausbildung oder wir müssen endlich die Ausbildungsplatzabgabe wirklich einführen.“

Gysi führt an mehreren Stellen die  (Fehl-)Entscheidungen der vorherigen Regierungen an. Zum Beispiel bei der Darlegung, dass der frühere Spitzensteuersatz bei 53% (unter Kohl, CDU) und jetzt um 11 Prozentpunkte verringert auf 42% liegt. Er setzt also heutige Verhältnisse in Relation zu vergangenen Ereignissen. Der Bezug auf die Vergangenheit wirkt dabei deutlich profunder als hypothetische Gedankenkonstrukte in Richtung ungewisser, da zu gestaltender Zukunft.

Bei seinen Argumenten lässt Gysi die Zuhörer meistens nicht zu eigenen Schlussfolgerungen kommen, sondern bietet mit seinem klaren, kommentierenden Stil bereits die ersichtliche Konsequenz, die gezogen werden soll. Aufbau und Argumentation der Rede wirken in sich logisch verknüpft.

Gysis größere Argumente bestehen meist aus einer Mischung aus natürlichen und kunstgemäßen Beweisen. Zuerst folgt eine Behauptung, die dann durch Fakten (natürlicher Beweis) widerlegt wird. Schließlich zieht Gysi eine Schlussfolgerung in Form eines kunstgemäßen Beweises, der die Behauptung nochmals unterstreicht und/oder in einen größeren Kontext setzt. Zur besseren Veranschaulichung hier ein konkretes Beispiel:

„Die ganze Konkurrenzsituation [Steuerkonkurrenz], die Sie schildern, ist nicht gegeben. In der Europäischen Union der 25 liegen wir bei den Steuern auf Platz 24. Wir sind die Vorletzten. Nur die Slowakei hat geringere Steuern als Deutschland. Dann sagen Sie immer, die Lohnnebenkosten, die Abgaben seien so hoch; das müsse man bei der Berechnung einbeziehen. Gut, rechne ich das mit ein. Wenn ich Steuern und Abgaben einbeziehe, sind wir in der Europäischen Union auf Platz 16. 15 Länder der Europäischen Union haben höhere Steuern und Abgaben als Deutschland, und zwar an ganz anderen Stellen (Beifall bei der LINKEN). Deshalb geht es dort auch etwas gerechter zu. Deshalb haben die auch nicht so den Sozialabbau, den Sie hier in Deutschland organisieren.

  1. Behauptung: Konkurrenzsituation ist nicht gegeben
  2. natürlicher Beweis: Deutschland in der EU auf Platz 24 von 25.
  3. natürlicher Beweis: Mit Lohnnebenkosten haben 15 Länder der EU höhere Steuern und Abgaben als Deutschland.
  4. Implizite Schlussfolgerung: Behauptung ist gegeben.
  5. Schlussfolgerung: Es geht in den anderen Ländern gerechter zu als in Deutschland. (Implizite Argumentation: höhere Steuern = gerechter)
  6. Schlussfolgerung: Es gibt einen geringeren („nicht so den“) Sozialabbau als in Deutschland. (Implizite Argumentation: höhere Steuern = verhindern den Sozialabbau)

Die Strukturierung der Rede ist zwar gegeben, jedoch ist sie vom Zuhörer schwer zu erfassen. Hinsichtlich der mangelnden Strukturierung bzw. dem schwer zu folgenden Verlauf können wir festhalten, dass die zwei Punkte Innen- und Außenpolitik zwar erwähnt werden und „erstens“, „zweitens“, „drittens“ alphanumerisch zur Gliederung verwendet werden; allerdings ist allgemein relativ wenig Struktur erkennbar.  Es wirkt wie eine Kleinstruktur mit vielen Mini-Argumenten. Die Detailliertheit und Kleinlichkeit innerhalb der 25-minütigen Rede wirken sich „strukturschwächend“ aus. Besonders bei der Erwähnung der einzelnen Steuern und Zusätze (Pendlerpauschale, Mehrwertsteuererhöhung, Körperschaftssteuer, Einkommensteuer, Abgeltungssteuer, Sparerfreibetrag, Veräußerungserlössteuer, etc.) verliert man schnell den Überblick.  Durch die Masse an Vorwürfen sowie die nahtlos erscheinenden Übergänge von Thema zu Thema (vgl. inhaltliche Gliederung) machen es dem Hörer schwer, eine explizite Strukturierung zu erkennen. Dieser Eindruck muss jedoch beim wiederholten Hören des Beitrages zu Gunsten eines besseren Verständnisses von Mal zu Mal revidiert werden. Kritisch muss jedoch angemerkt werden, dass hierzu im realweltlichen Normalfalle keine Möglichkeit gegeben ist. Eine Rede gehört zu den flüchtigen Kommunikationsakten, welche unfixiert bleiben.

Aufgrund der angerissenen Geschichte Gysis sowie der heutigen Fraktionszugehörigkeit wollen wir auch einen Blick auf die Wortwahl legen, welche an einigen Stellen sehr gut die Ideologie bzw. die Ideologiekritik gegenüber den Etablierten aufzeigt. Hierbei ist es relativ schwierig zu beurteilen, inwieweit ein „altes“ realsozialistisches Denken aufzuzeigen ist oder es sich um reine Interpretation handelt. Jedoch wäre es durchaus möglich, bei den Ausführungen zur Außenpolitik, die Atomnutzung betreffend, zu sagen, dass die „Logik“, welche von Gysi kritisiert wird, dass die Anschaffung von Atommacht durch Staaten zu einer Garantie der Sicherheit wird, eben dieser Begriff durch „System“ oder auch „Ideologie“ äquivalent ersetzt werden könnte. Auch die fast saloppe, umgangssprachliche Formulierung des möglichen „Durchdrehens“ des Amerikanischen Präsidenten birgt eine Verachtung bzw. generelle US-Kritik in sich. Eine Anlehnung an Zeiten des alten Klassenfeindbildes jenseits des „Eisernen Vorhangs“ scheint möglich.

 

Das Verhältnis von Ethos – Pathos – Logos zueinander

Nach unserer Meinung ist die Kombination der drei analysierten und dargestellten Überzeugungsmittel insgesamt stimmig und die jeweiligen Spezifika passen gut zueinander. Die Energie, mit der vorgetragen wird, scheint sehr passend, wirkungsvoll und homogen zu den eingebrachten Argumenten und politischen Zielen/Sachverhalten.

Wir meinen, dass sich im Einklang von Ethos und Pathos das Bild, das man im Vorfeld von Gregor Gysi hatte, widerspiegelt. Er ist nicht der Typ, bei dem der Hörer das Gefühl bekommt, er fühle sich auch nur eine Sekunde unwohl in seiner Rolle des Oppositionellen. Ganz im Gegenteil: Würde er versuchen, sein stereotypes Gesicht zu ändern und in eine vorübergehende etablierte Rolle zu schlüpfen, wäre dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt.

Alles in allem haben wir hiermit ein schönes Beispiel für eine politische Parlamentsrede. Besondere Erwähnung muss die wiederholte Spontaneität und schlagkräftige Reaktionen auf Zwischenrufe seitens des Publikums finden. Sowohl auf die Anmerkung, dass nicht alle Anwesenden Gysi hießen, als auch der Einschub der Fußballergebnisse zeugen von der nötigen Lockerheit und „Kaltschnäuzigkeit“, welche diese Rede eben frisch erscheinen lassen und von der sich andere Parlamentarier zu Gunsten des „Unterhaltungswertes“ ruhig eine Scheibe abschneiden könnten. Dieses persönliche Urteil soll nicht die eigentliche Funktion von Politikern und somit Debatten verdrängen.

Als nicht optimal empfinden wir, dass die Struktur beim erstmaligen Hören unterzugehen droht. Hier wäre evtl. ein kurzer Überriss am Anfang des Beitrages sachdienlich, der dem Publikum die folgenden Abschnitte kapitelartig kurz vorstellt, um so beim Zuhörer eine Art innere Landkarte zu erzeugen, anhand derer sich im Verlauf der Rede orientiert werden kann. Ob diese jedoch bei politischen Reden immer gewünscht ist, bleibt kritisch zu hinterfragen.

 

Zusammenfassung

Die Rede von Gregor Gysi behandelt ein großes Spektrum an Problemen in Deutschland im Jahre 2006. Insgesamt wirkt er bei dieser Rede sehr gut vorbereitet und verfügt auch über die sprachliche Kompetenz, sich gut ausdrücken zu können. Aufgrund der langen Redezeit und der Vielfalt der angesprochenen Themen verliert man beim erstmaligen Hören etwas den Überblick. Allerdings ist Gysi trotzdem gut zu folgen, wenn man sich auf die Rede konzentriert und nicht ablenken lässt. Eine etwas größere Variation der Stimmlage und eine bekannte Gliederung, wahrscheinlich einfach auch eine kürzere Rede, hätten die Rezeption noch prägnanter und leichter verdaulich gemacht. Da die Rede allerdings nur vor Parlamentskollegen gehalten wird und nicht vor dem schlussendlichen Zielpublikum (dem Wahlvolk) ist ihm dies allerdings nicht wirklich anzukreiden. Alles in allem also eine gute, teilweise sogar unterhaltsame Parlamentsrede, in der vieles richtig und nur wenig falsch gemacht wurde.

Die Rede ist unter folgender Adresse verfügbar: (realmedia player nötig) rtsp://194.50.58.32:554/btag/16/bt300_20060621.rm?start=00:47:34&end=01:13:26&title=39. Sitzung&cloakport=80,554,7070

Daniel Todd Gilbert: „Why are we happy? Why aren’t we happy?“


 

Margot Dum und Christiana Leitner

Daniel Todd Gilbert:

"Why are we happy? Why aren’t we happy?"

 

1. Zur Person Daniel Todd Gilbert

Daniel Todd Gilbert ist Professor an der Harvard Universität. Dort hat er sich als Sozialpsychologe, speziell im Bereich der Emotionsprognosenforschung, einen Namen gemacht. Dort entstand auch die Rede „Why are we happy? Why aren’t we happy?”.

 

2. Redegattung

Bei der im Folgenden betrachteten Rede handelt es sich um eine Beratungsrede. Bei dieser Redegattung beabsichtigt der Redner, sein Publikum durch zielgerichtete Argumentation von seiner Darstellung zu überzeugen. Das vorrangige Ziel ist also die Überzeugung des Publikums, wohingegen das „Informieren“ bloß zweitrangig ist.

 

3. Situationsinformation

Gilberts Rede wurde im Rahmen von TED (Abkürzung für Technology Entertainment Design) gehalten. TED ist eine Konferenz, bei der jährlich rund 1000 Fachleute Ideen über unterschiedlichste Themen austauschen. Neben Daniel Gilbert standen auch andere namhafte Persönlichkeiten wie beispielsweise Al Gore, Tony Robbins oder Daniel Goleman auf der TED-Bühne. Seit 2006 werden die zumeist 20-minütigen Vorträge der Konferenzen online unter http://www.ted.com/ veröffentlicht.

 

4. Die drei aristotelischen Elemente

Die Rede „Why are we happy? Why aren’t we happy? ist ein großartiges Beispiel für das Zusammenspiel aller drei aristotelischen Elemente Ethos, Pathos und Logos. Sie baut auf Studien auf, die beweisen, dass nicht nur das „natürliche“ Glück, sondern auch das „konstruierte“ Glück positive Effekte für Menschen hat. Weiters erklärt Gilbert, dass der Mensch eine Art psychisches Immunsystem besitzt, das ihm helfen kann, sich in der Welt, in der er lebt, besser zu fühlen. Damit kann der Mensch „synthetisches“ Glück wahrnehmen oder selbst konstruieren. „Synthetisches“ ist keinesfalls schlechter als „natürliches“ Glück: „Natürliches“ Glück ist der Effekt, der entsteht, wenn Menschen bekommen, was sie wollen. „Synthetisches“ Glück ist das, was sie empfinden, wenn sie nicht das bekommen, was sie wollen.

 

4.1 Ethos

Das Ethos beschreibt die Person des Redners/der Rednerin, d.h. primär wird die Selbstpräsentation betrachtet. Ziel des Redners/der Rednerin ist es, glaubwürdig zu erscheinen. Der/die RednerIn soll nach Aristoteles integer sein, d.h. er/sie soll zu moralischen Prinzipien stehen und diese einhalten. Des Weiteren wird der Begriff des Wohlwollens – das Kriterium des sittlichen Handelns schlechthin – großgeschrieben. Hinter der Person des Redners/der Rednerin verbirgt sich weiters die Kompetenzvermutung. Gelingt dem Redner/der Rednerin eine geschickte Selbstdarstellung, so ist die persönliche Glaubwürdigkeit gegeben.

Daniel Gilbert nimmt in dieser Rede den Charaktertyp eines enthusiastischen, witzigen Lehrers ein, um dem Publikum näher zu sein. Auffällig ist, dass Gilbert sich während seiner Rede nicht mit den ZuhörerInnen identifiziert (keine Kreierung eines Wir-Gefühls) – frei nach dem Motto „Ich lehre euch etwas“. Die Argumente wählt er so, dass sie für das Publikum verständlich sind. Partikel wie „you know…“ lassen die Argumente leicht verständlich und glaubwürdig erscheinen.

Es hat den Anschein, als sei er selbst von der Thematik und seinen Forschungsergebnissen äußerst begeistert. Diese Begeisterung kommt unter anderem durch die Mimik zum Vorschein. Manchmal drückt er seine Thema-Affinität auch wörtlich aus. Beispielsweise sagt er bereits im ersten Drittel der Rede „Human beings have this marvellous adaptation that they can …” oder „A recent study – that almost floors me – …“).

Die lockere Kleidung sowie das selbstsichere, energetische Auftreten unterstützen den Charaktertyp. Außerdem verwendet der Redner eine kollegiale, witzige und informelle Wortwahl, um das Publikum einzubinden. Um der Rede den wissenschaftlichen Charakter zu verleihen (Professor an der Harvard Universität), fügt er klarerweise Fachausdrücke (z.B.: „frontal lobe“) hinzu. Zudem setzt Gilbert ausdrucksstarke Mittel ein, indem er beispielsweise ironische Antworten auf rhetorische Fragen vorgibt (z.B.: „Yeah, right.“). Rhetorische Fragen lassen RednerInnen glaubhafter wirken. Wer in Fragen spricht, wirkt glaubhafter als jemand, der alle Antworten kennt.

Auffällig ist, dass Daniel Gilbert während der Rede ziemlich viel Raum in Anspruch nimmt. Er läuft stets auf der Bühne hin und her, was einerseits den Vorteil mit sich bringt, dass er Blickkontakt zum ganzen Publikum hat. Andererseits wirkt sein immer gleich bleibender  Bewegungsablauf teilweise etwas monoton.

Mithilfe seines Körpers ahmt er Reaktionen des Publikums scherzhaft nach (z.B.: „Yeah, right.“). Weiters ist die starke Gestik auffällig, die aber immer wieder durch den „Clicker“ (die Fernbedienung zum Umschalten der Folien) eingeschränkt bzw. irritiert wirkt. Wenn er auf das Publikum eingeht und narrative Elemente einfügt, variiert er mit seiner Stimme, was eine willkommene Abwechslung darstellt.  Daniel Gilbert nutzt seinen Körper und seine Stimme, um der Rede zusätzlich einen witzigen Charakter zu verleihen. Bei „off“ beispielsweise verstärkt er die Wirkung des Wortes, indem er bewusst auf die Zehenspitzen steigt.

Anzumerken ist, dass die stimmliche Abwechslung nur bei narrativen Elementen eintritt. Ansonsten wirkt seine Stimme etwas monoton, denn aufgrund seines schnellen Sprechtempos legt er nahezu keine Denkpausen ein.

Zusammenfassend ist zu verzeichnen, dass das Hauptziel des Ethos – die Glaubwürdigkeit – völlig gegeben ist, da man den Eindruck hat, dass Gilbert persönlich hinter dem Thema steht. Dadurch hinterlässt er beim Publikum auch den Eindruck eines integren und tugendhaften Menschen mit wohlwollender Absicht. Die Kompetenzvermutung ist schon allein auf Grund seiner beruflichen Ausübung – Professor an der Harvard Universität – gegeben.

 

4.2 Pathos

Das Pathos ist der Faktor der emotionalen Einbindung der ZuhörerInnen durch den/die RednerIn. Beim Pathos geht es daum, Emotionen, Leidenschaft und Gemütsbewegungen zu erregen. Bei der Emotionsbeeinflussung spielen der Redestil, rhetorische Figuren, Körpersprache sowie die Auswahl und Darstellung der Argumente, aber auch die Psychologie (z.B.: Schaffung eines Wir-Gefühls) eine wichtige Rolle.

 

Gilbert stellt sich locker-lässig dar, was beim Publikum vermehrt Zustimmung hervorruft. Trotz des hohen Informationsgehalts seiner Rede lässt er auch narrative Elemente in keinster Weise zu kurz kommen. Er sorgt für  witzige und ironische Momente beim Publikum, wodurch die Rede erfrischend, interessant und auf keinen Fall ermüdend oder „oberlehrerhaft“ wirkt.

 

Insgesamt spricht er ausdrucksstark und laut, was sich zum Ende hin steigert. Durch die exakte Betonung und die vielen Beispiele gelingt es dem Redner, Spannung aufzubauen, die er anschließend mit einem Überraschungseffekt „bricht“. Als Beispiele sind „sounds like a one question IQ test“ oder „which of these groups are happier“ anzuführen. Auffällig ist, dass die Beispiele anfangs alltäglich erscheinen, d.h. die ZuhörerInnen glauben zu wissen, wie das Beispiel endet; Gilbert bringt jedoch stets unerwartete Ergebnisse.

 

Wenn er zur Veranschaulichung von bekannten Persönlichkeiten (z.B.: Jim Wright, Moreese Bickham, Harry S. Langerman) spricht, fällt auf, dass er stets nach einer Verbindung zwischen dieser Persönlichkeit und dem Publikum sucht. So sagt er zum Beispiel „…, the first one is Jim Wright, some of you are old enough to remember,…“ oder „… some of you recognize this young photo of Pete Best,…”. Dadurch entsteht beim Publikum ein persönlicher Bezuge zum Inhalt der Rede. Die ZuhörerInnen sollen das Gefühl haben, dass der Inhalt für sie relevant ist.

 

Daniel Gilbert verwendet viele Witze bzw. witzige Darstellungen; Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Publikums über 20 Minuten hinweg stets aufrechterhalten. Die humorvollen Einwürfe haben eine auflockernde Wirkung. Das Publikum hat die Möglichkeit, die Rede mit Spaß und Interesse zu verfolgen. Weiters wird das Publikum durch  die oft gestellten rhetorischen Fragen (z.B.: „What is it about a big brain that nature was so eager for everyone of us to have one?“) bzw. aufgrund der Denkanregungen (z.B.: „… and you can try to simulate them and tell me which one you think you might prefer.“) wiederholt direkt angesprochen und somit aktiv eingebunden. Da rhetorische Fragen stets eine Antwort implizieren, erzielen sie eine intensivierende Wirkung. Rhetorische Fragen baut Gilbert auch mit einem anderen Hintergedanken ein: Er verwendet sie (z.B.: „Which of these groups are happier?“), um Spannung bzw. Erwartungshaltungen aufzubauen und diese dann zu „brechen“. Der dadurch entstehende Überraschungseffekt erhöht die Eingängigkeit der Mitteilung und regt zum Mitdenken an, da die naheliegenden Antworten als falsch entlarvt werden.

 

Um das Publikum emotional einzubinden, setzt Gilbert gezielt mehrere Mittel ein: Er spricht das Publikum direkt an, er verwendet eine offene Körpersprache und ausdrucksvolle Stimme und außerdem streift er emotionale Themen: Er vergleicht z.B. einen Lotteriegewinner mit einem Querschnittsgelähmten, er spricht von Happiness und bringt berühmte Persönlichkeiten, die „Schicksalsschläge“ erlitten haben,  als Beispiele ein.

 

Durch die direkte Ansprache fühlt sich das Publikum vom Inhalt persönlich berührt. Ein Beispiel wäre: „Now what does a prefrontal cortex do for you?“. Dadurch wird der Bezug des Publikums zum Thema hergestellt, jede/r ZuhöherIn fühlt sich betroffen.

 

4.3 Logos

Der Begriff Logos behandelt den Redeinhalt und die Argumentation. Es geht um Fragen der  Plausibilität, der Logik, der Beweisführung, der Inhalte und ihrer Strukturierung.

Durch die Verwendung von wissenschaftlichen Fachbegriffen (z.B.: „frontal lobe“) sowie durch den Rückgriff auf wissenschaftliche Studien erscheinen die Argumente Gilberts plausibel. Zwar hat die Rede einen hohen Informationsgehalt, aber dennoch schafft es Gilbert durch den Einsatz von Geschichten und kurzen Erklärungen, die Rede in eine einfache und verständliche Form zu bringen. Dadurch ist die Rede auf den ersten Blick in sich logisch.

 Gilbert verwendet viele Fakten und Referenzen, welche er grafisch veranschaulicht. Er baut viele Beispiele aus seiner Forschung ein, die er mit Zitaten untermauert, um die Fakten dem Publikum näher zu bringen. Als ein Beispiel für „Synthetic Happiness“ führt er Moreese Bickham an, der 37 Jahre unschuldig in einem Gefängnis verbrachte. Er zitiert ihn folgendermaßen: „I don't have one minute's regret. It was a glorious experience". Zitate wie das von Moreese Bickham erhöhen die Glaubwürdigkeit des Inhalts, denn Zitate entstammen der Realität. Dabei handelt es sich um sogenannte natürliche Beweise. Sie stellen den Großteil der Basis für die Argumentation in Gilberts Vortrag dar. Dies liegt vor allem daran, dass Gilbert seine empirischen Forschungsergebnisse „lediglich“ präsentiert. Es besteht keine Notwendigkeit, diese durch Argumentation zu begründen, deshalb werden kaum kunstgemäße/technische Beweise eingesetzt. Gilbert ist sich dieses Umstandes durchaus bewusst: „Now, I'm a scientist, so I'm going do this not [sic!] with rhetoric, but by marinating you in a little bit of data.“Die wenigen technischen Beweise sind einfach gehalten; Sie bestehen meist aus einer Behauptung und einer einfachen Begründung. Ein Beispiel hierfür ist die Frage, warum „natürliches“ Glück in unserer Gesellschaft mehr gilt als „konstruiertes“ Glück. Die Begründung Gilberts folgt in Form einer weiteren Frage: “Well, it's very simple. What kind of economic engine would keep churning, if we believed that not getting what we want could make us just as happy as getting it? Die natürlichen Beweise folgen meist dem Schema, dass eine Behauptung aufgestellt wird und diese dann anhand von Forschungsergebnissen belegt werden. Die Ergebnisse werden meist mit Beispielen illustriert und durch Statistiken ergänzt. Diese Behauptungen stellen gleichzeitig auch die Kerninhalte der Rede dar.

Die wesentlichen Aussagen des Vortrages sind wie folgt

  • Das menschliche Gehirn kann zukünftige Erfahrungen simulieren.
  • Das menschliche Gehirn ist jedoch sehr fehleranfällig bei der Vorhersage des Ausmaßes gewisser Ereignisse auf „Freude/Glück“ (happiness). (Impact Bias)
  • Freude/Glück kann konstruiert werden
  • Die Qualität von“konstruiertem“ Glück ist gleich dem von „natürlichem“ Glück
  • Die Konstruktion von Glück (durch das „psychological immune system“) funktioniert in gewissen Situationen besser bzw. schlechter.
  • Die Möglichkeit, frei zu wählen, erschwert die Konstruktion von Glück., wohingegen Situationen, die keine andere Möglichkeit bieten, die Synthetisierung von Glück erleichtern.

Wenn es auf Freude/Glück im Leben ankommt, sind die meisten Ereignisse und Umstände überbewertet.

Im Falle Gilberts ist die Struktur schwer erkennbar. Trotzdem tut das dem generellen Verständnis der Rede keinen Abbruch. Für die ZuhöherInnen ist es jedoch schwer, einen roten Faden zu erkennen, da Gilbert versucht, in den ihm zur Verfügung stehenden zwanzig Minuten möglichst viele Bereiche seiner für ihn faszinierenden Arbeit zu erklären. Dadurch kommt es zu einer wahren Informationsexplosion. Der Kern der Rede ist nicht klar erkennbar, denn Gilbert spricht viele unterschiedliche Themen an. Er schafft es aber nicht, all diese Punkte zu einer Kernaussage zusammenzufassen.

Erst bei genauerer Betrachtung wird klar, dass die Rede um die oben angeführten Kerninhalte herum aufgebaut ist, die durch die Präsentation der Forschungsergebnisse untermauert werden. Die Hauptaussage ist, dass die meisten Umstände sehr begrenzt in ihrer Auswirkung auf die Freude im Leben (happiness) sind. Diese Aussage wird mehrmals in verschiedenen Formen wiederholt. Jedoch bringt Gilbert die klaren, einfachen Aussagen nur in der Rede selbst, wohingegen er für den Schluss anstatt einer einfachen Aussage ein kompliziertes Zitat (Adam Smith) wählt. Diesem folgt eine Zusammenfassung mit Relativierungen und Erläuterungen, welche, im Vergleich zum Rest der Rede, eine hohe Komplexität aufweist. Aus diesem Grund wirkt das Ende des Vortrages  umso verwirrender, da der vorhergehende Vortrag klar und eingängig war.

 

5. Verhältnis von Ethos, Pathos und Logos

Wie oben bereits erwähnt, ist eine klare Struktur kaum ersichtlich. Dennoch ist der Inhalt der Rede verständlich, da die Informationen klar, verständlich und ansprechend präsentiert werden. Die Beispiele, die Gilbert einbaut, sind leicht nachvollziehbar. Er spricht das Publikum auch emotional an, indem er sie beispielsweise fragt, ob sie einen Lottogewinn oder den Rollstuhl bevorzugen würden. Diese beinahe absurden Äußerungen gewinnen durch den Bezug auf seine Studien an Logik und durch ihre Ungewöhnlichkeit und Prägnanz an Eingänglichkeit.

Gilbert jongliert mit den Gefühlen und Einstellungen des Publikums. So schafft er es, seine ZuhörerInnen stets zu überraschen und somit als kompetenter und unterhaltsamer Redner aufzutreten. Der Professor erzeugt ein Zusammenspiel der drei aristotelischen Elemente Ethos, Pathos und Logos. Genau das macht die Stärke seiner Rede aus.

 

6. Doch es gibt auch einige Kritikpunkte…

Zu bemängeln ist, dass Gilbert zu schnell vorträgt. Auch fehlt es der Rede an Pausen, um die wichtigen Punkte zu unterstreichen. Er scheint vergessen zu haben, dass seine Inhalte für die meisten seiner ZuhörerInnen neu sind. Die Chance, seine verblüffenden Aussagen kurz zu reflektieren, ist für das Publikum somit nicht gegeben.

Ein Musterbeispiel dafür ist das Zitat von Adam Smith am Ende seiner Rede. Hier soll noch einmal die Quintessenz seines Vortrags hervorgehoben werden. Es handelt sich dabei aber um ein verhältnismäßig sehr langes Zitat. Zwar wird dem Publikum das Mitlesen ermöglicht, weil es auf der Leinwand gezeigt wird. Doch es bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn kaum hat Gilbert es vorgelesen, leitet er daraus schon seine Schlussfolgerungen ab. Es hat den Anschein, als würde er mit der übrigen Zeit einen Wettlauf eingehen.

Die Rede ist sehr komplex aufgebaut. Dies gilt vor allem für den Schluss. Gerade dadurch geht auch ein wenig Energie/Aussage verloren, die er sich zuvor aufgebaut hat. Ab dem Zeitpunkt, an dem er dem Publikum für das Zitat von Adam Smith zu wenig Zeit zum Nachdenken einräumt, ist es äußerst schwierig, dem Inhalt noch zu folgen.

Ein weiteres Problem ist das nahezu ununterbrochene Herumlaufen auf der Bühne. Zu Beginn wirkt es abwechslungsreich, doch mit der Zeit wird es monoton. Besonders lenkt es ab, wenn etwas auf der Leinwand gezeigt wird. Der monotone Eindruck wird durch eine äußerst geringe Variation der Stimme unterstützt. Dadurch hat die Rede den Anschein, als hätte Gilbert sie nur auswendig gelernt und als würde sie ihn selbst ein wenig langweilen. Durch seine  konkrete und exakte Wortwahl sowie durch seine Mimik und durch die ausladende Gestik wird dieses Manko jedoch kompensiert.

Gilbert baut durch Witze, Anschauungsmaterial und viele narrative Elemente Spannung auf und zieht somit das Publikum in den Bann. Leider geht die zentrale Aussage ein wenig unter, da Gilbert den entscheidenden Aussagen zu wenig Zeit zu wirken gibt.

 

7. Fazit

Alles in allem ist diese Rede trotz der Kritikpunkte eine Informationsrede, die Vorbildcharakter hat, denn Daniel Gilbert schafft es sehr viele interessante Inhalte nahezu spielend an das Publikum zu bringen. Nach der Rede haben die ZuseherInnen das Gefühl, tatsächlich einiges dazugelernt zu haben. Seine lockere Art lässt vermuten, dass er ein erfahrener Vortragender ist. Das wiederum lässt ihn als äußerst kompetenten Redner erscheinen.

Auf jeden Fall ist die Rede empfehlenswert, denn so ganz nebenbei kann man daraus eine wichtige Lehre für sein Leben ziehen: Jeder ist seines Glückes eigener Schmied.

 

Link zur Rede: