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Iudicium

Der griechische Begriff krísis, lateinisch iudicium stellt einen Grundbegriff der Rhetorik dar und wird, seit dem Aufklärer Immanuel Kant, in erster Linie mit dem deutschen Wort „Urteilskraft“ übersetzt. Darunter versteh man ein praktisches Einschätzungsvermögen hinsichtlich der angemessenen Auswahl und dem adäquaten Einsatz verschiedener Überzeugungsmittel. Ziel ist es, in einer konkreten Situation möglichst überzeugend zu agieren. Der Rhetor muss, um dies zu erreichen, auf die Empfänglichkeit beziehungsweise auf die bestimmte geistige Grunddisposition des jeweiligen Publikums Rücksicht nehmen. Das Erlernen allgemeiner Regeln ist aus diesem Grund nicht möglich, stattdessen die Fertigkeit nur durch wiederholtes Üben erlangt werden. Somit kann iudicium auch als „Aspekt der praktischen Klugheit“ gelten.[1] Ein Gedanke, der in diesem Zusammenhang vor allem im antiken Griechenland eine Rolle spielt, ist der des agon. Im rhetorischen Kontext bedeutet dies konkret, dass sich ein Redner gegen seinen Kontrahenten sprachlich durchsetzen kann. Der Wettbewerbsgedanke spielt demnach für das Einschätzungsvermögen eine bedeutende Rolle.[2]
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