Schlagwort-Archiv: Redestil

sa|tü|r 2011

satuer_gross_SA229

Rhetorik und Stilistik

Die kommenden SATÜR wollen sich dem Thema „Rhetorik und Stilistik“
widmen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass man einerseits angewandte
Rhetorik gerne mit der gelungenen, wo nicht geschliffenen Formulierung
assoziiert, andererseits aber „bloße Rhetorik“ als eine Methode versteht,
mangelnden Inhalt durch eine gefällige Form zu kaschieren. Mit barocker Rhetorik gar ist eine überbordende Form gemeint, die durch Schwulst gewichtigen Inhalt vortäuscht.

Produktionsstadien

inventio

Das griechische Wort heuresis, lateinisch inventio oder deutsch Auffindung/Erfindung findet seinen Ursprung in der Antike und stand für das Finden von Stoffen in allen Teilen der Rede, als erstes der fünf Produktionsstadien der Rede. Heute wird der Begriff mit dem Eruieren evidenter Argumentationen gleichgesetzt. Diese Auffindung wahrer oder zumindest schlüssiger und wahrscheinlicher Beweisführungen bildet den ersten Teil der Aufgabenbereiche eines Redners. Es besteht eine enge Verbindung zum iudicium, da durch geeignete Suchformeln eine Vielzahl plausibler Argumente gefunden werden kann, aus der es gilt die inhaltlich signifikanten zu ermitteln. Ein System dieser Suchformeln, auch topoi oder loci genannt,  findet sich zum ersten Mal bei Aristoteles in seiner Topik und Rhetorik. Es wurde später von den Römern übernommen und weiterentwickelt. Eine weitere mögliche Strategie stellt die Statuslehre des Hermagoras von Temnos dar. Hier können durch die Imagination und Klassifikation gewisser Streitfälle vor Gericht denkbare Begründungen ausgemacht werden. Kombiniert man die beiden Methoden, so werden für jeden Staus mittels Loci die adäquaten Argumente gefunden.
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Stilbruch – rhetorisch

Thomas Zinsmaier

Stilbruch – rhetorisch

I. Ein erfolgreiches ästhetisches Prinzip

Seit den Unabhängigkeitserklärungen von Literatur und Kunst hat der Stilbruch aufgehört, grundsätzlich als ein Verstoß oder Fehler zu gelten. Für die Gattungen, die von der Komik leben, wie Satire und Parodie, ist das Spiel mit stilistischen Kontrasten ohnehin seit jeher konstitutiv. Konnten die Künstler und Schriftsteller der klassischen Moderne mit dem bewussten Verzicht auf formästhetische Einheit, mit Montagen und Collagen noch provozieren und verunsichern und sich dabei als Avantgarde verstehen [1], so hat sich der Stilbruch in den letzten Jahrzehnten als populäres Kompositionsprinzip etabliert, das längst nicht mehr als ästhetische Revolte, sondern allenfalls als interessant und unterhaltsam empfunden wird. In der Mode spricht man von einem „gekonnten“ oder „tollen Stilbruch“[2], für Cafés, Kneipen, Tattoo-Studios und Rockbands ist ‘Stilbruch’ ein beliebter Name geworden, Kulturzeitschriften [3] und -magazine führen ihn im Titel. Die Produzenten des Kulturmagazins ‘Stilbruch’ von Radio Berlin-Brandenburg stellen sich vor als „stilvoll gebrochene Menschen. Störrische Alt-68er, energische 89er. Macher mit Falten und Flausen. Nix passt zusammen. Warum auch? Stilbruch allerorten und Kultur ist dasjenige, was Sie daraus machen.“[4]

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Was ist eine rhetorische Figur – und was macht eine rhetorische Figur wichtig?

Die Figura bezeichnet ihrer lateinischen Wortherkunft nach ein ,plastisches Gebilde‘. Entwickelt hat sich der rhetorische Fachterminus figura in enger Beziehung zum griechischen Schema (,äußere Gestalt‘) – ein Begriff, der in der griechischen Antike bereits ganz verschiedene (sprachliche, mathematische, astronomische) Verwendungszusammenhänge aufzuweisen hatte. So kommt es, dass sich in der Bezeichnung ,rhetorische Figur‘, die sich im Verlauf des letzten vorchristlichen Jahrhundert zu dem bis heute gängigen terminus technicus der Rhetorik etablierte,  Bedeutungsfacetten wie äußere Erscheinung, Form (forma), Licht (lumen) Ausschmückung (exornatio), Bewegung oder auch Verwandlung ineinander vermischt finden. Weiterlesen