Schlagwort-Archiv: Rhetorik des Stils

elocutio und Stilistik

sa|tü|r 2011

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Rhetorik und Stilistik

Die kommenden SATÜR wollen sich dem Thema „Rhetorik und Stilistik“
widmen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass man einerseits angewandte
Rhetorik gerne mit der gelungenen, wo nicht geschliffenen Formulierung
assoziiert, andererseits aber „bloße Rhetorik“ als eine Methode versteht,
mangelnden Inhalt durch eine gefällige Form zu kaschieren. Mit barocker Rhetorik gar ist eine überbordende Form gemeint, die durch Schwulst gewichtigen Inhalt vortäuscht.

Natura

Natura, auf Griechisch φύσις; phýsis lässt sich als „natürliche Anlage“ ins Deutsche übersetzen. Durch sie erlangt ein Mensch die Fähigkeit das Reden zu gestalten. Des Weiteren ist die natura die individuell ausgeprägte Basis für das kunstvolle Reden, das durch die lehrbare Redekunst (docrina, ars) und Übung (exercitatio, usus) erworben wird.[1]
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Produktionsstadien

inventio

Das griechische Wort heuresis, lateinisch inventio oder deutsch Auffindung/Erfindung findet seinen Ursprung in der Antike und stand für das Finden von Stoffen in allen Teilen der Rede, als erstes der fünf Produktionsstadien der Rede. Heute wird der Begriff mit dem Eruieren evidenter Argumentationen gleichgesetzt. Diese Auffindung wahrer oder zumindest schlüssiger und wahrscheinlicher Beweisführungen bildet den ersten Teil der Aufgabenbereiche eines Redners. Es besteht eine enge Verbindung zum iudicium, da durch geeignete Suchformeln eine Vielzahl plausibler Argumente gefunden werden kann, aus der es gilt die inhaltlich signifikanten zu ermitteln. Ein System dieser Suchformeln, auch topoi oder loci genannt,  findet sich zum ersten Mal bei Aristoteles in seiner Topik und Rhetorik. Es wurde später von den Römern übernommen und weiterentwickelt. Eine weitere mögliche Strategie stellt die Statuslehre des Hermagoras von Temnos dar. Hier können durch die Imagination und Klassifikation gewisser Streitfälle vor Gericht denkbare Begründungen ausgemacht werden. Kombiniert man die beiden Methoden, so werden für jeden Staus mittels Loci die adäquaten Argumente gefunden.
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Niveau der Textgestaltung

Demetrios

Im Gegensatz zu der in der Antike üblichen Dreistillehre kreierte ein gewisser, bis heute nicht identifizierter Demetrios im ersten Jahrhundert vor Christus ein System mit vier Charakteren: einem großartigen/erhabenen (charakter megaloprepes), einen schlichten/einfachen (charakter ischnos), einen eleganten/glatten (charakter glaphyros) und einen gewaltigen (charakter deinos).
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Zwillingsformel

(auch: Paarformel, Wortpaar)

Kennzeichen der Zwillingsformel ist das gemeinsame Auftreten zweier oder mehrerer Worte, die meist durch „und“ verbunden sind („fix und fertig“). Dies muss aber nicht immer der Fall sein. Es gibt auch andere Formen, wie zum Beispiel „von Kopf bis Fuß“. Bindewörter, Präpositionen oder Vergleichsartikel können jedoch auch ganz entfallen, wie im Beispiel „jahrein, jahraus“. Zwillingsformeln können verstärkt werden, zum Beispiel mit einer Alliteration („klipp und klar“) oder durch einen Endreim („ohne Saft und Kraft“). Die Zwillingsformel steht somit häufig in Beziehung zu anderen Figuren wie der Antithese (Gegenüberstellung), der Klimax (Steigerung), der Repetitio (Wiederholung), der Alliteration (Wörter beginnen mit gleichen Buchstaben) und der Tautologie (Wiederholung eines sinnverwandten Wortes). Die Grenze zwischen den Zwillingsformeln und einfachen Phrasen ist etwas verschwommen. So müssen die Redewendungen „ein Fass ohne Boden“ oder „Auto um Auto“ nicht explizit als Zwillingsformel gelten, da sie den Anspruch von Gedankenfiguren nicht erfüllen. Sie wirken inhaltlich nicht abgerundet. Der Zwillingsformel ähnlich sind das Trikolon („verliebt, verlobt, verheiratet“) und die Vierlingsformel („frisch, fromm, fröhlich und frei“). Sie bestehen aus drei bzw. vier Elementen.
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Trikolon

(griechisch: tríkolon; lateinisch: tricolum, teriugum; deutsch: Drillingsformel)

Wie der Name schon sagt (tri = drei), besteht das Trikolon aus drei Satzgliedern oder Sätzen. Es besteht aus einer Aufeinanderfolge zweier oder mehrerer Glieder (kolon = Glied). Im HWRh ist zu lesen, dass diese einzelnen Glieder aus mindestens zwei Wörtern bestehen müssen, da es sich sonst nur um eine „Häufung“ von Worten handeln würde. Andere Autoren bestätigen dieses „Gesetz“ allerdings nicht. Das Trikolon tritt meist in Verbindung mit anderen Wortfiguren der klanglichen Ähnlichkeit wie Alliteration (Wörter mit gleichem Anfangsbuchstaben) und Homoioteleuton (Wiederholung derselben Endsilbe) oder mit Wiederholungsfiguren wie Anapher (Wiederholung gleicher Wörter am Anfang eines Satzes), Klimax (Steigerung) und Polyptoton (Wiederholung eines Wortes bzw. Wortstammes mit Abwandlung) auf (vgl. HWRh, ersch. 2009).

Rhetorische Frage

(griechisch: erótesis, erótema; lateinisch: interrogatio)

Eine rhetorische Frage ist eine Frage, auf die keine Antwort erwartet wird, weil sie bereits die Antwort impliziert bzw. wird diese als bekannt angenommen. Die Antwort bildet sich im Kopf des Adressaten. Als antike Meister der rhetorischen Fragen gelten Demosthenes und Cicero. Quintilian zählt sie später zu den Gedankenfiguren. Dem HWRh zufolge zählen sie zu den Wortfiguren. Die Zuordnung kann nicht genau bestimmt werden, da die rhetorische Frage Elemente sowohl der Gedanken-, als auch der Wortfiguren besitzt. Kolmer/Rob-Santer ordnen sie den Satzfiguren zu, da sie zu den Bereichen Kontaktaufnahme, Rede und Gespräch gehöre (vgl. Kolmer/Rob-Santer, 55). „Die mittelalterliche Poetik rechnet die rhetorische Frage als Wortfigur zu den Mitteln des „einfachen Schmucks“ (HWRh, Bd. 3, Sp. 453).

Periphrase

(periphrasis, gr. periphrasis, dt. Umschreibung, engl. periphrasis, fzr. periphrase, ital. perifrasi)

Der Begriff Periphrase wird aus zwei griechischen Wörtern zusammengesetzt: perî = ringsum, um…herum und phrazo = deutlich machen, zeigen. Eine lateinische Bezeichnung für die Periphrase ist circumscriptio. Zudem gibt es einige Sonderformen, wie die Antonomasie, die Metonymie, das Adynation und die Circumlocutio.
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Metapher

(griech. meta = anderswohin, pherein = tragen; lat. metaphora, translatio; dt. Übertragung)

Grob gesehen zieht man bei der Metapher ein Wort heran, das logisch gesehen im Satz keinen Sinn ergibt, aber den Inhalt der Aussage verdeutlicht. Die Metapher hat den Zweck, mit wenigen Mitteln etwas zu erklären und zu veranschaulichen. In Metzlers Literaturlexikon gibt es eine treffende Definition: „Das eigentlich gemeinte Wort wird erst  durch ein anderes, das eine sachliche oder gedankliche Ähnlichkeit oder dieselbe Bildstruktur aufweist,  klar“ (Metzler S.494). Darüber hinaus ist der Metapher ein großes kreatives Potenzial zuzuschreiben. Durch die Projektion einer Bedeutung auf eine andere schafft sie nämlich etwas Neues, und wirkt deshalb so faszinierend. Ein Beispiel aus der deutschen Literatur:
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Klimax

(dt. Steigerung; griech. klímax, klimatokón schéma, epiploké, epoikodómesis; lat. gradatio, gradatus, catena, ascensus)

Dem Terminus ‚Klimax’ entspricht, wörtlich übersetzt, der Begriff ‚Leiter’ oder ‚Treppe’, zurückzuführen auf das griechische Verb ‚lehnen’. Auch die Bezeichnung ‚Kette’ findet man (vgl. HWRh. S. 1106).
Um die rhetorische Figur ‚Klimax’ möglichst präzise zu definieren, ist es vorerst notwendig diese in der ‚klassisch-antiken’ und den ‚modernen’ Klimax zu trennen. Die ‚klassische’ Klimax setzt sich aus zwei Besonderheiten zusammen:

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Ironie

(dt.Verstellung; griech. eironia; lat. ironia, dissimulatio)

Übereinstimmende Meinungen in der Fachliteratur bezeichnen die Ironie als Form der Rede, die das Gesagte der eigentlich vermittelten Aussage konträr gegenüberstellt. Das Gegenteil des Gemeinten wird gesagt. In der Interaktion wird dem Gesprächspartner oft durch übertriebene Gestik, Mimik oder Gebärden die intendierte Botschaft non-verbal vermittelt, sodass dieser die verschlüsselte Nachricht richtig dekodieren kann. Am ehesten kann man die Ironie als subtilen Spott umschreiben, die teilweise eine kritische Haltung zu einer Situation, einem Verhalten oder einem Thema ausdrückt. Die Ironie als rhetorische Figur in einer Gesprächssituation ist kontextabhängig. Eine gelungene ironische Bemerkung hängt auch oft von dem Gesprächspartner und von der Intimität der Partner ab. Beispiel:

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Inversion

(griechisch: anastrophé, lateinisch: inversio, perversio, reversio, inlusio)

Bei der Inversion handelt es sich um eine Umstellung von Wort- oder Satzfolgen, genauer gesagt, eine „Umstellung der üblichen, regelmäßigen Wortfolge“ (vgl. Sachwörterbuch der Literatur, S. 418). Die Inversion ist eine Wortfigur und wird auch als Umstellung oder Versetzung bezeichnet.
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Geminatio

(dt. Verdoppelung; griech. epízeuxis;lat. epizeuxis, conduplicatio)

Die Geminatio ist als Wiederholung einer Sinneinheit (eines Wortes, einer Wortgruppe) innerhalb einer Periode in unmittelbarem Aufeinanderfolgen definierbar. Sie dient der Intensivierung und Hervorhebung. Als Schema dient hier: x (,) x.

Als Beispiel ein Schlachtruf von Fußballfans: „Olé, Olé, Olé!“ oder „Immer wieder, immer wieder, Österreich!“

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Exclamatio

(griech. ekphônesis, dt. Ausruf/ Aufschrei, engl. exclamation)

Der Begriff selbst setzt sich aus den lateinischen Wörtern ex (aus) und clamare (schreien, laut rufen) zusammen. Die Exclamatio ist eine rhetorische Figur bei der ein affektgeladener Ausruf / Aufschrei den Zuhörer emotional berühren und so in seinem Urteil beeinflussen will. Im HWRh wird die Exclamatio als ein Stilmittel beschrieben welches die Bezeichnung irgendeines Schmerzes oder irgendeiner Empörung bewirkt und zwar durch das Anreden eines Menschen, einer Stadt, eines Ortes oder irgendeiner Sache. (vgl. HWRh. Sp. 48)

Ellipse

(griechisch: élleipsis, lateinisch: detractio, defectio, defectus)

Diese Figur der Kürze (brevitas) zeichnet sich dadurch aus, dass bestimmte Teile des Gesagten bzw. Geschriebenen ausgelassen werden können. Ein Beispiel aus dem Alltagsbereich ist die oft gestellte Frage nach dem Alter – als Antwort gibt man zum Beispiel einfach „39“ an statt vollständig aber umständlich im ganzen Satz zu antworten: „Ich bin 39 Jahre alt.“

Antithese

(griechisch: antítheton; lateinisch: contrapositum, contrarium; deutsch: Gegenüberstellung)

Einer allgemeinen Definition zufolge ist die Antithese eine „der These gegenübergestellte Behauptung, Gegenbehauptung, Entgegenstellung“ (Wahrig, 184). Daneben bezeichnet die Antithese eine rhetorische Figur. In dieser speziellen rhetorischen Bedeutung kann man sie als Gegenüberstellung gegensätzlicher Begriffe, Gedanken und Gegenbehauptungen definieren. Weiterlesen

Anticipatio

(antizipation, dt. Vorwegnahme, engl. anticipation, ital. anticipazione, frz. anticipatio)

Diese rhetorische Figur bedeutet soviel wie, „vorher erfassen“ und setzt sich aus zwei lateinischen Begriffen zusammen: ânte = vorher, früher und câpêre= erfassen, ergreifen, nehmen. Richtigerweise müsste es eigentlich antecipatio heißen, üblichweise wird jedoch von anticipatio oder Antizipation gesprochen.

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Anapher und Epipher

Anapher

(griech.: anaphorá, lat.: conduplicatio, iteratio (Einzelwort) repetitio (Wortgruppe),   Synonyme: Epanaphora, Prälation, dt.: Rückbeziehung, Wiederaufnahme)

Bei der Anapher handelt es sich um eine  Figur auf Wortebene: dasselbe Wort bzw. dieselbe Wortgruppe am Anfang aufeinander folgender Sätze, Satzteile, Verse oder Strophen wird wiederholt.

Ambiguität

(griechisch: amphibolié, lateinisch: amphibolia)

Ambiguität bedeutet Mehrdeutigkeit, das heißt, ein Wort, eine Wortgruppe bzw. ein Satz kann mehrere Deutungsmomente beinhalten. Eine weitere Bezeichnung dafür ist Amphibolie; diese gilt zwar als veraltet, wird jedoch noch häufig verwendet. Deutsche Entsprechungsbegriffe sind Doppelsinn oder Zweideutigkeit. Die Ambiguität ist als Gedankenfigur zu klassifizieren.

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Alliteration

(englisch: alliteration, französisch allitération, italienisch: alliterazione)

Wichtigstes Indiz für die Alliteration ist der Gleichklang der Anlaute von mindestens zwei aufeinanderfolgenden Wörtern. Der Gleichklang kann auch am Ende des Wortes auftreten. In der Dichtung ist diese Figur besonders beliebt, hebt sie ja durch den Gleichklang die gesprochenen bzw. die geschriebenen Stellen merklich hervor und verleiht ihnen dadurch eine bessere Eingängigkeit und poetischen Schmuck, sprich, es geht hier um eine besondere Art der Akzentsetzung. Und dies geschieht auch ganz bewusst (Die Frage, ob Stilfehler – oder Stilmittel ist nicht gegeben).

Metapher

Metaphern, oder sprachliche Bilder, sind die Gewürze in der Küche des Rhetorikers. Mit dieser Metapher aus dem in RhetOn 1/2006 rezensierten Buch „Rede-Diät“ von Lackner & Triebe ist schon viel über Metaphern gesagt. Indem lebhafte Assoziationen wach gerufen werden, wird Interesse geweckt und das Gesagte prägt sich gut beim Publikum ein. Die rechte Hirnhälfte wird aktiviert. Im günstigen Fall – so das aptum von der Rednerin oder vom Texter richtig gewählt worden ist – knüpft ein sprachliches Bild an die Erlebniswelt des Publikums an und schafft sogar so etwas wie eine Identifikationsmöglichkeit. Wie in der Küche auch besteht jedoch das Risiko, am Geschmack des Zielpublikums vorbei zu schreiben. Dann ist nicht nur die Wirkung verschenkt, sondern es kann sogar zu Langeweile, Ablehnung oder unfreiwilliger Komik kommen.

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Enumeratio

Dabei handelt es sich um eine „Aufzählung“, eine „Aneinanderreihung von Einzelelementen“ in einem Text (Studienbuch Rhetorik, S. 100). Der Adressat soll die aufgeführten Einzeldaten bzw. -informationen „zu einem passend erscheinenden“ Bild zusammenführen und sich mit dem „Gedankengang des Autors auseinandersetzen“ (ebd.). Der Zweck dieses Stilmittels ist „höhere Anschaulichkeit“ (ebd.).
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Anapher

Der Satzanfang besitzt – ebenso wie dessen Ende – eine inhaltlich ausgezeichnete Stellung. Ihm wird durch die vorangehende Pause die besondere Aufmerksamkeit der Rezipienten zuteil. Deshalb verdient der Satzbeginn auch bei der rhetorischen Gestaltung von Text oder Rede besondere Sorgfalt. Verstärkt werden kann diese akzentuierende Wirkung, wenn der Anfang auf einander folgender Sätze wiederholt wird. Die rhetorische Figurenlehre verwendet für dieses Stilmittel den Begriff „Anapher“.

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